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In Yad Vashem werden Personen geehrt, die jüdischen Menschen das Leben gerettet haben

Gerecht handeln geht über das Gesetz

epd/Guido FrebelEin Gedenkstein am Eingang zum Garten der Gerechten der Völker in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

privatHelwig Wegner-Nord ist Pfarrer im Ruhestand. Er lebt in Frankfurt.

Am Sonntag Judica geht es um Fragen der Gerechtigkeit und des Rechts. »Judica me, Deus …« – »Schaffe mir Recht, Gott …«. Der erste Vers von Psalm 43 ist der Eingangsvers der alten lateinischen Messliturgie für diesen Tag. Und das erste Wort Judica hat dem Sonntag den Namen gegeben. Mich mit der Bitte um Recht an Gott zu wenden, ist aber nur das Eine. Gerecht zu sein, ist auch ein Auftrag an mich selbst wie an alle Menschen. Und gerecht handeln – das ist weit mehr als Gesetzestreue. Mir ist das noch einmal bei einem Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem deutlich geworden.

In Yad Vashem wird der Verfolgung und Ermordung der sechs Millionen jüdischer Menschen im Nationalsozialismus gedacht. Worte, Bilder und Symbole für das unsagbare Leiden der Opfer des Holocaust stehen neben den Texten und Fotos, die die Gewissenlosigkeit und Brutalität der Täter dokumentieren. Am bedrückendsten war für mich zu sehen, wie gleichgültig gegenüber der Shoa die Mehrheit der deutschen Gesellschaft eingestellt war.

Hier in Yad Vashem werden auch die etwa 27 000 Personen geehrt, die in dieser Zeit unter Einsatz ihres Lebens geholfen haben, jüdischen Menschen das Leben zu retten. Diese Gerechten unter den Völkern, wie sie genannt werden, stammen aus über 40 Ländern. Es waren Lehrerinnen, Ärzte, Geistliche, Nonnen, Diplomaten. Zu den Gerechten gehören Arbeiter und Polizisten, Fischer, ein Zoodirektor, ein Zirkusbesitzer und viele andere. So unterschiedlich sie sind, haben sie doch etwas gemeinsam: Sie haben die Rolle der Zuschauer verlassen und gehandelt.

Spontan denke ich, dass es besser passen würde, sie Barmherzige zu nennen statt Gerechte. Und in der Tat – Chassidei, wie diese Gerechten im Hebräischen heißen, bedeutet eigentlich Fromme oder Liebende. Ihre Bezeichnung als Gerechte in Yad Vashem erinnert daran, dass sie nicht allein aus gnädigem Erbarmen gehandelt haben. Sie wussten, was Gerechtigkeit ist, und haben sich dafür mit ihrem eigenen Leben eingesetzt.

Wer ein Empfinden für Gerechtigkeit hat, sieht darauf, dass sie auch anderen widerfährt. Kein Wunder eigentlich, dass Gerechtigkeit ein ganz zentrales Anliegen von Jesus ist: »Selig sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden satt werden.« (Matthäus 5,6) Dieser Gerechtigkeit ist das Wissen eigen, dass Gottes Geschöpfen Würde und Rechte zustehen.

Jesus verwendet das Wort Gerechtigkeit entsprechend der biblischen Vorstellung, dass Gerechtigkeit eine Eigenschaft Gottes und ein Auftrag für die einzelnen Menschen ist: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.« (Matthäus 6,33) Die Gerechten unter den Völkern und ihre bewegenden Geschichten zeigen, was es heißen kann, nach Gerechtigkeit zu trachten.

Die Erinnerung an den Holocaust und die Haltung der wenigen Gerechten war noch jung, als die Ökumenische Versammlung 1954 dazu aufrief: »Es ist nicht genug, dass die Christen Frieden für sich selbst suchen … Sie müssen Gerechtigkeit für andere suchen.«

Von Helwig Wegner-Nord

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