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Rosa Luxemburg

Kleine große Frau

picture alliance/akg-imagesClara Zetkin (links) und ihre Freundin Rosa Luxemburg auf dem Weg zum SPD-Parteitag im September 1910 in Magdeburg.

Rosa Luxemburg war Ökonomin, charismatische Rednerin und wirkmächtige Autorin. Sie war Mitgründerin des Spartakusbundes, der Partei Sozialdemokratie des Königreiches Polen und der Kommunistischen Partei Deutschlands. Am 15. Januar 1919 wurde sie in Berlin ermordet und in den Landwehrkanal geworfen, im Alter von 47 Jahren.

Es ist der 15. Januar 1919. Mitglieder von Freikorpstruppen verhaften die Sozialisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und schaffen sie ins Berliner Hotel Eden. In diesem provisorischen Militärquartier, das es heute nicht mehr gibt, misshandeln und verhören die Männer die bekannten Politiker. Spätnachts bringen sie die beiden aus dem Haus. Der Wagen mit Liebknecht verschwindet Richtung Tiergarten. Die Bewacher zwingen Liebknecht im dunklen Park aus dem Auto und eröffnen von hinten das Feuer auf ihn.

Letzte Station Landwehrkanal

Dann holen sie Rosa Luxemburg. Vom Gewehrkolbenhieb eines Soldaten ist sie nahezu bewusstlos, als ein Leutnant ihr in die Schläfe schießt. Anschließend liefern die Täter Liebknecht als unbekannte Leiche bei einer Rettungsstelle ab, Luxemburgs Leiche werfen sie in den Landwehrkanal. Sie wird am 31. Mai gefunden. An der Stelle gibt es seit 1987 ein Denkmal zu Ehren Rosa Luxemburgs. »Im Westteil der Stadt gelegen haben sich die Berliner lange schwergetan mit dem Erinnern«, sagt Claudia von Gélieu. Es ist die letzte Station ihrer Rosa-Luxemburg-Führung. Seit fast drei Jahrzehnten bietet sie Stadttouren in Berlin an zu Wohn- und Erinnerungsorten sowie Wirkstätten der Politikerin, promovierten Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung und des Marxismus. Ausgebaut hat sie diese ausgerechnet nach dem Kontakt zu einer katholischen Frauengruppe aus Aachen.

Die hatte Ende der 1980er Jahre eine Karfreitagsliturgie mit einer Antikriegsrede von Rosa Luxemburg gestaltet. Das gab Ärger, führte aber auch dazu, dass sich die Christinnen intensiver mit der Biografie der selbstbewussten Jüdin, Polin, Sozialistin und Antimilitaristin beschäftigten. Krönung war die Reise nach Berlin zur Frauentour mit Claudia von Gélieu, die bis zu diesem Zeitpunkt diese Zielgruppe nicht im Blick hatte.

Bild von der blutigen Rosa stimmt nicht

»Seither ist es mir ein Anliegen, auch bürgerlich-konservative Kreise davon zu überzeugen, dass das Bild von der blutigen Rosa, die zu Terror aufruft, in keiner Hinsicht stimmt«, erklärt die Stadtführerin. Denn Rosa Luxemburg sei nicht nur klug und mutig, sondern auch kompromisslos gegen Gewalt gewesen. Ihrem Anspruch scheint von Gélieu gerecht zu werden. Es kommen heute nicht nur kirchliche Frauengruppen, sondern auch studentische Gruppen, Schulklassen, Betriebsausflügler, Naturliebhaber, Pazifisten, Bewunderer der wunderschönen Luxemburg-Briefe, Menschen, die in ihr ein politisches Vorbild sehen und viele andere.

Geboren ist Rosa Luxemburg am 5. März 1871 in einer kleinen Stadt im Osten Polens, einer russisch kontrollierten Zone. Sie wächst mit vier Geschwistern in der polnisch-jüdischen Familie auf. Die Eltern sprechen beide Deutsch, die Familie rezitiert abends klassische Dramen. Als kleines Kind muss Rosa ein ganzes Jahr im Bett verbringen, wegen eines falsch behandelten Hüftleidens. Fortan hinkt sie leicht.

Studium in Zürch

Mit fünf Jahren bringt sie sich Lesen und Schreiben bei. Sie besucht ein Gymnasium in Warschau, das nur in Ausnahmefällen polnische, noch seltener jüdische Mädchen aufnimmt. Sie macht das beste Abitur. Dann geht sie zum Studium nach Zürich. »Das war einer der wenigen Orte, wo Frauen gleichberechtigt studieren konnten«, erklärt von Gélieu. Sie studiert erst Botanik und Zoologie, später Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Finanzwissenschaft, Wirtschafts- und Börsenkrisen. Von zu Hause aus keineswegs wohlhabend, muss sie sehen, wie sie finanziell klarkommt.

Dabei unterstützt sie Leo Jogiches, ihre lebenslange Liebe. Der sozialistische Politiker und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands, geboren in Wilna, stammte aus einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie. Es existieren nur die Briefe von Rosa an ihn, seine sind verschwunden. »Als sie schon in Deutschland wohnt und er noch in Zürich, beschwert sie sich, dass er immer nur über Politik schreibt und nicht darüber, wie es ihm geht«, bilanziert Claudia von Gélieu. »Und warum schreibt er nicht, dass er mich liebt?«, fragt sie.

Neue Liebe mit Mitte 30

»Wann können wir endlich ein Kind haben?« ist eine weitere Frage, die sie immer aufs Neue stellt. »Für Jogiches gab es aber nur Politik und Revolution oder ein trauliches Familienleben mit Kindern«, sagt die Luxemburg-Kennerin. Rosa hätte beides leben wollen. 1906/1907 ist die Liebesbeziehung zu Ende, politisch bleiben sie verbunden. Rosa verliebt sich mit Mitte 30 in Kostja Zetkin, den Sohn ihrer Freundin Clara. Er ist 13 Jahre jünger. »Die Beziehung hat etwas Mütterliches«, beschreibt Claudia von Gélieu ihre Sicht. »Sie fängt an, Marmelade für ihn zu kochen, ist sehr fürsorglich, fragt nach seiner Gesundheit, freut sich aber auch auf heiße Stunden auf der Couch.«

Rosa Luxemburg wirkt durch Worte

Zusammen mit Luise Kautsky, der Frau von Karl Kautsky, Cheftheoretiker der SPD, besucht sie abends Konzerte. »Als Frau alleine nachts auf der Straße riskierte man, dass die Sittenpolizei einen festnahm«, erklärt von Gélieu. Zu zweit geht es besser. Und dann ist auch noch der Schwager Hermann Kautsky dabei, ein Maler.

Eine berühmte Schauspielerin jener Zeit beschreibe Rosa Luxemburg als unscheinbar, klein und hinkend. »Aber wenn sie zu reden begann, waren die Menschen von ihr fasziniert«, sagt Claudia von Gélieu. Sie wirkt durch Worte. Luxemburg sei pragmatisch gewesen, hätte den Reformen mit den Bürgerlichen zugestimmt. Aber sie habe auch die Grenzen gesehen – bezogen auf die Themen Wirtschaft, Eigentum, Ausbeutung. »Wir brauchen soziale Reformen und Revolution«, lautet ihr Credo. Damit sei sie über Nacht nicht nur in Deutschland, sondern auch in der sozialistischen Internationale als Theoretikerin anerkannt gewesen.

Vieles von dem, was Rosa Luxemburg umgetrieben hat, sind auch Themen von heute. Vielleicht begeben sich deshalb so viele Menschen auf die Spuren dieser kleinen großen Frau.

Von Andrea Seeger

Kontakt: Claudia von Gélieu, E-Mail frauentouren@t-online.de, Telefon 030/6 26 16 51, Mobil 0160/1 19 47 82

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