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Soziale Ungleichheit

Krise in Chile

epd/Salka TennenIn Chile halten trotz der Versprechen von Präsident Sebastián Piñera die Massenproteste gegen die hohen Lebenshaltungskosten an. Als Zeichen des Protestes schlagen viele auf Kochtöpfe.

SANTIAGO. Nicole Oehler und Johannes Merkel sind Pfarrerin und Pfarrer der zweisprachigen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile. Merkel, zuvor hessen-nassauischer Pfarrer der Burgkirchengemeinde in Dreieichenhain, schreibt, wie er in der vergangenen Woche die Proteste und den Ausnahmezustand in der lateinamerikanischen Stadt erlebt hat.

Mitte Oktober sprach der chilenische Präsident Sebastián Piñera noch davon, dass sein Land eine »Oase« inmitten eines krisengeschüttelten Lateinamerikas sei. Und das konnten viele nachvollziehen – nicht nur mit Blick auf die abschreckende Lage in Argentinien, Brasilien, Ecuador oder Venezuela. Nein, Chile hat in den vergangenen Jahren tatsächlich eine beachtenswerte wirtschaftliche Entwicklung genommen, und auch die Demokratie wirkt 30 Jahre nach Ende der Diktatur gefestigt und stabil.

Strikte Privatisierung

Dazu half nach Analyse von Experten nicht nur kluge Politik, sondern auch ein beispielloses Wachstum. Der unter Augusto Pinochet eingeschlagene Kurs der strikten Privatisierungen und möglichst geringen staatlichen Einmischung in wirtschaftliche Belange, habe neben den großen Gewinnen aus der Kupferförderung nach Meinung vieler diese Entwicklung ermöglicht.

Krieg statt Oase

Die Schattenseiten dieses Modells haben nun aber Proteste heraufbeschworen, die nicht nur zur Ausrufung des Ausnahmezustands in weiten Teilen des Landes führten, sondern Präsident Piñera höchst selbst sprach plötzlich nicht mehr von »Oase«, sondern von »Krieg«.

Einkommen ungleich verteilt

Die Erhöhung der Metropreise in Chiles Hauptstadt Santiago war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der wirtschaftliche Kurs und die konsequente Privatisierung aller Güter von der Bildung bis zum Wasser, von der Rentenvorsorge bis zur Autobahn, führte – darüber gibt es in Chile keinen Zweifel – nicht nur zu vielen Aufstiegsmöglichkeiten, sondern auch zur immer größeren Ungleichverteilung der Einkommen. So liegt das monatliche Einkommen von mehr als der Hälfte der Chileninnen und Chilenen unter 530 Euro – und das bei Lebenserhaltungskosten, die in vielem ein europäisches Niveau haben.

Gehalt reicht nicht bis zum Ende des Monats

Die hohen Ausgaben für Bildung oder Kredite, kürzlich um zehn Prozent gestiegene Stromkosten: Selbst in der Mittelschicht reicht bei vielen das Gehalt nicht bis zum Ende des Monats und der mit der Wahl des amtierenden Präsidenten erhoffte wirtschaftliche Aufschwung ist ausgeblieben. Stattdessen haben Korruptionsfälle in Politik, Polizei und Militär das Vertrauen in den Staat erschüttert: Die oft milden Gerichtsurteile haben das Gefühl verstärkt: »Die da oben bedienen sich und wir hier unten müssen zahlen, zahlen, zahlen.« Schon seit langem wuchsen Frust und Wut, bei manchen auch einfach die Verzweiflung oder das Gefühl von Ausweglosigkeit.

Menschen solidarisieren sich

Seit der von außen betrachtet geringen Fahrpreiserhöhung der Metro bricht sich all das Bahn. Und nicht nur in Santiago! Die Plätze der größeren Städte im Land füllten sich mit größtenteils friedlichen Demonstranten. Selbst die gut verdienenden Minenarbeiter solidarisierten sich. Beides gibt es selten in Chile: dass Proteste weithin gewaltfrei ablaufen und dass sich über eine lokal oder sozial beschränkte Gruppe hinaus viele Menschen beteiligen.

Plünderungen und Verwüstungen

Leider ist aber auch ein hässliches Gesicht der Proteste sehr präsent, wobei niemand sagen kann, ob dies wirklich einen inhaltlichen Bezug hat oder hier vielmehr gezielt die Situation genutzt wird, um ganz andere Ziele zu verfolgen: Am vergangenen Freitag brannten zahlreiche Metrostationen in Santiago, so dass bis auf weiteres nur noch drei der für das Funktionieren des Nahverkehrs zentralen Linien eingeschränkt in Betrieb sind. Seit dem kommt es trotz nächtlicher Ausgangssperre immer wieder zu Plünderungen und Verwüstungen durch gezielt gelegte Brände.

Erinnerungen an die Militärdiktatur

Auch der Einsatz von Polizei und Militär lief nicht immer glimpflich ab, sondern es gab dabei Verletzte und Tote. Menschenrechtsaktivisten berichten von Misshandlungen und ungerechtfertigter Brutalität. Das weckt natürlich bittere Erinnerungen an die Militärdiktatur, in der die Militärpräsenz auf den Straßen genauso normal war, wie die häufig verhängten Ausgangssperren. In Chile halten die Massenproteste trotz der jüngst durch Präsident Sebastián Piñera angekündigten Maßnahmen zum sozialen Ausgleich an. Als Zeichen des Protestes schlagen viele auf Kochtöpfe.

Johannes Merkel
www.lareconciliacion.cl/de

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