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Ein blinder Mann lässt eine Pfarrerin entdecken, wie man mit den Ohren sieht

Lächeln kann man hören

gettyimagesEine gute Übung, die jede und jeder gleich ausprobieren kann: die Augen schließen und versuchen, das freundliche Gesicht der Welt zu hören.

privatClarissa Graz ist Pfarrerin und vertritt die Diakonie Hessen am Sitz der Landesregierung in Wiesbaden.

»Sie lächeln immer so schön beim Reden«, sagt der ältere Herr zur Pfarrerin. Die Pfarrerin stutzt. Denn der ältere Herr ist blind. Seit ein paar Monaten lebt er im betreuten Wohnen. Er kommt seitdem regelmäßig in den Gottesdienst in der Kapelle im Seniorenstift. »Da staunen Sie«, sagt er. »Ich höre freundliche Gesichter, auch wenn ich sie nicht sehen kann.« Ja, da staunt die Pfarrerin tatsächlich.

Sie hat von Anfang an bemerkt, dass der Mann blind ist. Er sitzt immer vorne, ganz Ohr. Wenn sie sich auf den Gottesdienst vorbereitet, bedenkt sie das mit. Sie will achtsam sein und niemanden ausschließen. Den blinden Mann nicht und auch sonst niemanden. Manchmal feilt sie lange an ihren Texten und Beispielen. Und natürlich arbeitet sie mit »allen Sinnen«, wie es so schön heißt. Sie hat die einschlägigen Ratgeber im Schrank: Rosen riechen, Tücher fühlen, Klangschalen horchen – alles schon gemacht. »Sie geben sich immer große Mühe bei dem, was Sie hier bieten«, sagt der alte Herr beim Verabschieden, »ich höre einfach gerne Ihr Gesicht«.

So gesehen hat es die Pfarrerin noch nicht gehört und so gehört auch noch nicht gesehen. Eine gute Antwort fällt ihr erstmal nicht ein. Sie geben sich die Hand. »Wiedersehen!«, sagt sie. »Wiederhören!«, sagt er und lacht. Das Kompliment des alten Mannes freut die Pfarrerin – aber nicht nur. Er hat Recht: Sie will in der Tat mit ihren Worten etwas bieten. Sie gibt sich Mühe dabei. Es irritiert sie, dass ein Blinder ihr Gesicht hört. Als ob sie nur lächeln könnte. Auf dem Heimweg wird sie milder und lächelt trotzdem. Sie beschließt, sich über das Kompliment zu freuen. Warum nicht den Sinneswandel zulassen? Sie schließt die Augen und versucht, das freundliche Gesicht der Welt zu hören.

Am Abend ist die Pfarrerin mit einer Freundin verabredet. Vor zwei Jahren haben die beiden nach einer etwas exzessiven Netflix-Phase das Kino wiederentdeckt. Im alten Programmkino der Stadt sind in der ersten Maiwoche Stummfilmtage.

Die beiden sitzen in »Panzerkreuzer Potemkin« von Sergej Eisenstein. Zu dem Stummfilm spielt ein Musiker mit Akkordeon live, ein stadtbekannter Straßenmusiker. Er sitzt mit dem Rücken zum Publikum und hat die Augen auf die Leinwand gerichtet. So übersetzt er mit seinem Akkordeon die Bilder in Töne.

Wieder schließt die Pfarrerin die Augen. Sie erinnert sich: Den Film hatte sie das erste Mal mit 13 bei ihrem Großvater gesehen und seitdem immer wieder. Die Klänge des Akkordeons holen die Bilder in ihren Kopf. Sie hat den Aufstand der Matrosen vor ihrem inneren Auge, das Eingreifen der Armee in Odessa. Sie denkt an den blinden Mann. Ein Blinder im Stummfilm? Sie muss lachen – und noch schöner: auch ein bisschen weinen. Wie er das wohl sähe? Vermutlich wäre er erheitert.

Die Pfarrerin geht früher als geplant nach Hause. Denn sie hat eine Idee. Sie will noch eine Andacht schreiben. Das Thema: »Ein sehendes Ohr und ein hörendes Auge – die macht beide der Herr!« Für sonntags in der Kirche kann sie das nicht gebrauchen. Aber sie hat Freude daran. Einfach so. Heute hat die Welt sie freundliche Gesichte hören lassen. Das kann auch morgen so sein.Von Clarissa Graz

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