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Digitale Glocken

Läuten per Lautsprecher

Foto: Wikimedia/JWBE CC 3.0Nicht jede Gemeinde kann sich echte Glocken leisten.

RÜLZHEIM. Die Kirche im 8000-Einwohner-Ort Rülzheim hat keinen Turm und daher auch keine Glocken. Das Presbyterium liebäugelt nun mit einem elektronischen Geläut. Damit wäre die Gemeinde in der Südpfalz eine Ausnahme in Deutschland.

Der Grund für das Interesse an einem elektronischen Glockensystem in der Christuskirche in Rülzheim ist ein ganz simpler. Das vor 50 Jahren errichtete Kirchengebäude hat keinen Turm, an dem eine Glocke hängen könnte. »Der Architekt hatte einen vorgesehen«, sagt Rainer Übel, stellvertretender Vorsitzender des Presbyteriums der protestantischen Kirchengemeinde in der Südpfalz. Allerdings sei kein Geld mehr da gewesen.

Mit 5000 Euro ist die Gemeinde dabei

Zwar hätten sich viele Gemeinde mitglieder daran gewöhnt, dass es nicht zum Gottesdienst läute, sagt Pfarrer Jan Meckler. Er habe aber schon mitbekommen, dass Leute von außerhalb wieder weggefahren seien, weil sie dachten, es finde kein Gottesdienst statt. Die elektronische Lösung käme die Gemeinde im Landkreis Germersheim mit rund 5000 Euro inklusive Grundgerät, Hochleistungsendverstärker, Lautsprecherboxen und Antenne für die Uhr deutlich günstiger als eine Glocke. Die Wartung würde sich die Kirchengemeinde auch sparen.

Berührungsängste mit der Technik hat Pfarrer Meckler nicht. Kirchendienerin Rosemarie Hellmann muss zum Läuten nicht mal ihr Haus schräg gegenüber der Kirche verlassen. »Das müsste reichen«, sagt Thorsten Böhm von der Firma Strässer zur Reichweite der Funkfernbedienung. Dass auf analogen Ton verzichtet wird, stört die Gemeindemitglieder nicht.

Katholische Gemeinden tun sich besonders schwer

Doch nicht viele Kirchengemeinden in Deutschland sehen das so pragmatisch. »In Deutschland ist der Vertrieb schwierig, besonders von katholischer Seite ist das gar nicht gewünscht«, sagt Akustikexperte Böhm, der in Süd- und Westdeutschland für die Stuttgarter Firma unterwegs ist. »Viele sagen uns auch, sie wollen, aber dürfen nicht.« Er kenne keine einzige Kirche in Rheinland-Pfalz mit elektrischer Glocke, sagt Böhm.

Kapellen auf städtischen Friedhöfen, etwa in Worms, würden aber auf diese Weise beschallt. Außerhalb Deutschlands sei der Vertrieb deutlich leichter, beispielsweise in Frankreich und Portugal. Besonders gut kämen elektrische Glocken auf dem Balkan an, in Kroatien und Bosnien, sagt Böhm. Vielleicht liege das daran, dass dort Türme oft nur schwer restaurierbar seien und die günstige Lösung überzeuge.

Zwischenlösung beim Sanieren

In Deutschland sind elektrische Glocken, wenn überhaupt, Zwischenlösungen bei Turmsanierungen wie etwa in der katholischen Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt im saarländischen Namborn. Ansonsten verkaufe er viel ins Ausland, sagt Peter Krziwon, Geschäftsführer der bayerischen Firma Phönix. Allein 80 Kirchen in Brasilien läuteten so ohne echte Glocke. Aber auch in Osteuropa sei die Nachfrage hoch. »In Großstädten kann ich als Gemeinde gut reagieren, wenn sich Anwohner wegen der Lautstärke beschweren.«

Soweit wird es in Rülzheim wohl nicht kommen, wo die Glocke nur zum Gottesdienst läuten wird. Ohnehin hat Böhm zum Testen nur die »kleine Ausführung« für Kapellen mitgebracht. Trotzdem ist der Ton recht beachtlich und erstaunlich echt – inklusive Auspendeln der Glocke. Schließlich handelt es sich um die Aufnahme echter Glocken, die digital bearbeitet wurde, sagt Böhm.Florian Riesterer / epd

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