Evangelische Sonntags-Zeitung

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote der Evangelischen Sonntags-Zeitung zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

AngeboteÜbersicht
Menümobile menu

Kirchenpräsident

Lasst die evangelischen Kinder zu mir kommen

EKHN/Clarissa WeberKirchenpräsident Volker Jung schlägt vor, sich genauer anzuschauen, ob es möglich ist, Kinder evangelischer Eltern bei der Vergabe von Kitaplätzen zu bevorzugen.

Im Alter zwischen 20 und 35 kehren besonders viele Menschen den Kirchen den Rücken. Der Kirchenpräsident sucht nach Wegen, das zu ändern. Einer seiner Vorschläge ist kontrovers.

Alles schon mal da gewesen. Kirchenpräsident Volker Jung will den Teufel eines Minderheiten-Christentums nicht an die Wand malen. Im Jahr 100 n. Chr. habe es im Römischen Reich gerade mal etwa 300 000 Christen gegeben, sagt er in seinem traditionellen Bericht vor der Kirchensynode. Christen hätten rund ein halbes Prozent der Bevölkerung ausgemacht. »Sie waren auch keineswegs besonders angesehen«, fügt er hinzu.

Kirchen können ihr Schicksal beeinflussen

So ein Szenario macht die neue Studie zur Kirchenmitgliedschaft der Uni Freiburg natürlich nicht auf. Obwohl es ihr zufolge schon ziemlich dick kommen dürfte: Bis 2060 verlieren die Kirchen in Deutschland die Hälfte ihrer Mitglieder. Aber nur etwa ein Drittel dieses Schwunds geht auf den demografischen Wandel zurück. Das ist neu, denn bislang galt immer der Grundsatz, dass die Kirchen nicht viel daran ändern könnten, dass ihre Schäfchen weniger werden. Die Studie hingegen besagt, dass die Kirchen ihr Schicksal beeinflussen können. Neue Ideen müssen also her.

Vergabe von Kitaplätzen überprüfen

Eine dieser Ideen unterbreitet Jung den Synodalen und wiederholt damit einen Aspekt, den er in der Evangelischen Sonntags-Zeitung (Nr. 19, Seite 8) schon eingebracht hat: Man könne doch prüfen, ob man nicht die Kinder evangelischer Familien bei der Vergabe von Kitaplätzen bevorzugen könne.

Was bringt und was kostet die Mitgliedschaft?

Für manche Kirchenmitglieder sei es frustrierend, dass ihre Kinder nicht in Kitas ihrer Kirche gehen könnten, argumentiert der Kirchenpräsident. Die Studie besagt nämlich auch, dass vor allem Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren der Kirche den Rücken kehren. Dies könnte auf einen Abwägungsprozess zurückzuführen sein, vermutet Jung. Junge Menschen fragten sich, was ihnen die Zugehörigkeit der Kirche bringe und was sie koste: »Das ist insbesondere bei denen zu erkennen, die in Regionen unserer Kirche mit hohen Lebenshaltungskosten leben. Dort sind unsere Austrittszahlen höher als anderswo.«

Offen bleiben für andere Religionen

Er wisse, die Vergabe von Kitaplätzen sei ein schwieriges Thema, sagt Jung. Ist es auch, denn die Kirchen betreiben Kindergärten, Krippen und Horte ja nicht für ihre Mitglieder, sondern in der Regel in öffentlichem Auftrag. Sein Vorschlag bedeute auch nicht, die Offenheit für alle anderen Religionen und Weltanschauungen einzuschränken, versichert der Kirchenpräsident.

Junge Menschen stärker einbinden

Es gibt weitere Ideen, wie dem Mitgliederschwund zu begegnen sei. Jung nennt die Konfirmandenarbeit: Rund drei Viertel der jungen Leute äußerten sich zufrieden mit ihrer Zeit als Konfirmandinnen und Konfirmanden, sagt er – und die Freiburger Studie zeige, dass es in den Jahren unmittelbar nach der Konfirmation wenige Kirchenaustritte gebe. Besonders stark sei die Verbindung der Kirche zu jenen Jugendlichen, die während ihrer Konfi-Zeit ehrenamtliche Tätigkeit ausprobierten. »Allerdings zeigt die Befragung von Nicht-Engagierten auch, dass eine große Zahl angibt, gar nicht erst gefragt worden zu sein, ob sie sich engagieren wollen«, analysiert Jung – hier steckt ihm zufolge noch Potenzial.

Glaubens- mit Gemeinschaftserfahrungen verknüpfen

»Manche werden fragen, ob es nicht die eine oder andere stärkere inhaltliche Akzentsetzung braucht, die zu einem klareren Bekenntnis zu den Glaubensaussagen führt«, wendet Jung ein – im Klartext: mehr oder anderer Konfi-Unterricht. Aber der Kirchenpräsident ist da skeptisch: »Eine solche Erwartung und vielleicht auch pädagogische Orientierung würde an den Jugendlichen vorbeigehen. Der Erfolg unserer Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden dürfte daran liegen, dass Glaubensinhalte mit Gemeinschaftserfahrungen verknüpft sind.«

Jung begrüßt Schülerdemonstrationen

Über mangelnden Erfolg bei jungen Menschen braucht sich die »Fridays for future«-Bewegung derzeit nicht beklagen. Der Kirchenpräsident begrüßt das Engagement junger Menschen gegen die globale Erwärmung. Religionslehrer sollten das Thema in ihrem Unterricht aufgreifen, fordert er.

AfD-Plakat hat nichts mit Christentum zu tun

Als Jung auf die AfD und ihren Europawahlkampf zu sprechen kommt, wird er knurrig. Er führt ein Plakat des Kreisverbandes des Saalekreises der Partei an, auf dem die Worte »Gott will es« stehen und darunter der Schriftzug »AfD stärkste Partei im Osten«. Das Plakat sei deshalb infam, sagt Jung, weil es vorgaukle, die AfD kenne Gottes Willen im Blick auf das Wahlergebnis. Außerdem spiele es auf den Kreuzzugsaufruf im Mittelalter an und bringe so eine antiislamische Note ein. »Das hat mit Christentum nichts zu tun«, bekräftigt er.

Klar gegen Populismus positionieren

Eine grundsätzliche Unvereinbarkeit von Mitgliedschaft in der AfD und Mitarbeit in der Kirche sehe Jung aber nicht, sagt er. Kirche müsse sich hingegen klar gegen Populismus positionieren. Sie könne nicht hinnehmen, wenn Menschen im Mittelmeer ertränken und jene, die ihnen und überlebenden Flüchtlingen helfen wollten, diskriminiert oder wenn Menschen rassistisch denunziert würden: »So lange wir Kirche Jesu Christi sind, können wir nicht anders.«Nils Sandrisser

Diese Seite:Download PDFDrucken

to top