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Gemeinde finanziert Zuhause

»Little Home« für Obdachlose

Rebecca KellerGemeinsam bauen Kai Müller (von links), Sven Lüdecke (in der Box), Patrick Jensen und Karl Thöne das neue kleine Zuhause für einen obdachlosen Mann in Darmstadt zusammen

DARMSTADT. Exakt 1377,82 Euro kostet eine Holzbox als Behausung für einen Obdachlosen. Die Johannesgemeinde hat ein solches »Little Home« finanziert und beim Bau tatkräftig mitgeholfen. Pünktlich zu Weihnachten hat ein wohnsitzloser Mann jetzt ein Dach über dem Kopf. Doch das Konzept des Kölner Initiators ist in Darmstadt umstritten.

Rebecca KellerPfarrer Gerhard Schnitzspahn (links) im Gespräch mit Sven Lüdecke. Der Pfarrer hatte die Idee, dass die Johannesgemeinde ein »Little Home« finanziert.

Die Helfer hämmern und klopfen, hier heult eine Säge, dort surrt ein Akku-Bohrschrauber. Mehr als eine Handvoll Männer, ein Kind und eine Frau sind beschäftigt an diesem Samstag auf dem Johannesplatz. Sie bauen gemeinsam ein Haus an einem Tag. Ein Haus aus Holz. 3,20 Meter lang, 1,20 breit und 1,90 hoch. Gerade so groß, dass ein Mensch darin stehen und liegen kann. Heizung und Strom gibt es nicht, aber eine verschließbare Tür und zwei Fenster. Hinein kommen eine Matratze und ein Regal, ein Camping-Chemie-WC, ein Feuerlöscher, ein Erste-Hilfe-Kasten und eine Kerzenlampe.

Wohnbox-Besitzer packt mit an

Auch Patrick Jensen legt mit Hand an. Der Obdachlose ist mit dem Organisator aus Köln mitgekommen. Unter fachkundiger Anleitung von Sven Lüdecke, Gründer von »Little Home e.V.«, hilft der 39-Jährige mit, für einen anderen Obdachlosen ein Haus zu bauen. Er selbst ist im Besitz einer solchen Wohnbox in Essen und will sie nicht missen. Als einer der ersten hat er eine geschenkt bekommen. Seitdem hilft er beim Bauen weiterer Holzhütten für Wohnungslose. »Ich habe da drin meine Privatsphäre«, sagt Patrick Jensen, »ich muss nicht überlegen, wo ich meine Sachen lasse und sie nicht den ganzen Tag mit rumschleppen.«

Abschlepper bringt Haus zum Standort

Um 13 Uhr ist es so weit: Die Wände werden auf die Bodenplatte montiert. Der Abschlepper ist für 18 Uhr bestellt. Er wird das kleine Haus an seinen geplanten Standort bringen.

Viertes Haus für Darmstadt

Es ist inzwischen das 119. Holzhaus, das Sven Lüdecke seit Ende 2016 mit einem Team vor Ort baut, wie er sagt. Das vierte in Darmstadt. »Little Homes« dienten den Bewohnern als Schutz, Rückzugsort und (Über-)Lebensraum und gäben ihnen Zeit, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Sie könnten »ein erster Einstieg in weitere Hilfen« sein.

Kollekten fließen in Hausbau

Pfarrer Gerhard Schnitzspahn ist dankbar, dass seine Johannesgemeinde das Projekt ermöglicht hat. Bei Stern-TV hatte er einen Bericht über »Little Home« gesehen und die Idee in die Johannesgemeinde getragen. Die beschloss, die Kollekte der fünf Passionsandachten für die Finanzierung eines »Little Home« zu verwenden. 1200 Euro kamen zusammen.

Obdachloser will nicht in die Öffentlichkeit

Der Verein »Little Home« wählt aus, wem er die Häuschen per Schenkung überlassen will. Die Warteliste ist lang, wie Lüdecke sagt, zurzeit stehen 17.678 Namen darauf. Die vierte Wohnbox in Darmstadt soll einem Mann aus dem Landkreis geschenkt werden, der noch nicht so lange auf der Straße sei und aus Schamgefühl nicht in die Öffentlichkeit wolle. Daher habe er beim Bau nicht mitgeholfen, so Lüdecke.

Vom »Little Home« in eine feste Wohnung

51 Menschen hätten bereits vom »Little Home« in eigenen festen Wohnraum wechseln, 53 in Arbeitsverhältnisse vermittelt werden können, wie Lüdecke sagt. Der gelernte Restaurantfachmann und Barkeeper, der als Fotograf arbeitet, hat den Anspruch, auch nach der Schenkung Kontakt zu seinen Schützlingen zu halten. Nur selten macht er auch negative Erfahrungen. Wie jüngst in Darmstadt. Hier musste er ein in die Nähe des Waldfriedhofs illegal umgezogenes »Little Home« Ende November entsorgen, weil der Bewohner es hatte verwahrlosen lassen.

Verhältnis zur Stadt angespannt

Lüdecke sieht seine Initiative nicht als »Konkurrenz zu Einrichtungen« am Ort an. Dennoch ist das Verhältnis in Darmstadt etwa zur Stadt und zum Diakonischen Werk angespannt. Sozialdezernentin Barbara Akdeniz sagte kürzlich auf einer Pressekonferenz, dass das Konzept von »Little Home« nicht ins Hilfesystem der Stadt passe. Nicole Frölich, Bereichsleiterin Wohnungslosenhilfe im Diakonischen Werk Darmstadt-Dieburg, kritisiert, dass es »mit einem Dach über dem Kopf nicht getan« sei und weist auf vielfältige Hilfsangebote wie Streetworker, Teestube, Beratungsangebote oder Straßenambulanz hin. Bereits vor einem Jahr habe man Sven Lüdecke in die Fachkonferenz Wohnungslose in Darmstadt eingeladen. Doch bis heute würde vom Verein nicht bekannt gegeben, wo die »Little Homes« stehen.
Diese finden zumeist auf Privatgelände Platz. Laut Verein werden die Orte aus Gründen des Persönlichkeitsrechts grundsätzlich nicht bekannt gegeben.
 Rebecca Keller

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