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Papsttochter

Lucrezia Borgia: Skandale ohne Beweise

picture alliance/Everett CollectionUm Sex, Macht und Mord geht es auch in dem deutschen Stummfilmklassiker »Lucrezia Borgia« – hier ein französisches Kinoplakat.

»Die Borgias – Sex. Macht. Mord. Amen«, mit diesem lüsternen Titel kam eine US-Fernsehserie auf die deutschen Bildschirme. Der französische Romancier Victor Hugo verfluchte Lucrezias »Palast des Ehebruchs, der Blutschande, jeglicher Sünde«, und der italienische Komponist Gaetano Donizetti machte aus Hugos Stück eine Oper, der er den Prolog voranstellte: »Wo Lucrezia ist, ist der Tod.« Zu Unrecht.

Die selbstbewusste, offensichtlich politisch talentierte Tochter von Papst Alexander VI. ist seit 500 Jahren tot, aber über all die Jahrhunderte hat sie ihren Ruf als machthungrige, sexsüchtige, zu jeder Gewalttat fähige Schlange nicht verloren. Fragt man nach historischen Fakten, bleibt von all den Skandalgeschichten wenig übrig.

Vom frommen Mönch postum zum Monster

So ist das immer, wenn politische Rivalen, Chronisten im Dienst der Gegenseite, empörte Moralprediger und bedenkenlose Gerüchteköche und Lügner das Bild einer umstrittenen Figur zeichnen. Kaiser Nero ging es nicht anders, der viel lieber Künstler als Imperator sein wollte, dem römischen Volk kriegerische Verwicklungen ersparte und von seinen Gegnern und von frommen Mönchen postum zum Monster gemacht wurde. Bis heute ist fraglich, ob er Rom wirklich in Brand gesteckt hat.

Statthalter verfolgen eigene Interessen

Zumal das gesellschaftliche und politische Umfeld chaotisch war, damals 1480, als Lucrezia in Rom geboren wurde: In Italien rumorte es, jeder kämpfte gegen jeden, der Kirchenstaat war genauso ein politischer Zankapfel wie Florenz oder Mailand, Neapel oder Venedig. Frankreich, Spanien, Deutschland mischten sich in die schwelenden Konflikte ein und alle schmiedeten Allianzen, die ständig wechselten. Chaos auch im Kirchenstaat: Die vom Papst eingesetzten Statthalter, selbstbewusste Barone, betrieben ihre eigenen Interessen, behielten Abgaben ein und schlossen heimlich Bündnisse mit den Feinden des Apostolischen Stuhls.

Lasterhafter Papst in der Zwickmühle

Papst Alexander VI., Lucrezias Vater, der seine zahlreichen Kinder keineswegs versteckte, sondern stolz präsentierte, suchte sein Heil seinerseits in einer hektischen Bündnispolitik. Zuerst zimmerte er mit Mailand, Venedig, Siena, Ferrara, Mantua eine starke Liga gegen Neapel. Doch weil Mailand den französischen König Karl VIII. zu einem Kriegszug gegen Neapel nach Italien holen wollte, geriet der Papst in die Zwickmühle: Am Pariser Königshof träumte man schon länger von einem Konzil, das den lasterhaften Borgia-Papst absetzen sollte. In Florenz verkündete der Mönch Savonarola, er habe den französischen König in einer Vision über die Alpen reiten sehen, als Befreier der Christenheit von ihrer verrotteten Führung.

Verwandte des Papstes beherrschen die Polizei

In dieser bedrohlichen Lage setzte Alexander VI. erst recht darauf, seiner Familie ein Imperium zu schaffen und zu sichern. Seine spanischen Verwandten besetzten immer mehr Ämter und beherrschten bald Polizei und Justiz. Gerade drei Wochen nach seiner Wahl zum Papst machte Alexander seinen Neffen Juan Borgia-Lanzol zum Kardinal und seinen siebzehnjährigen Sohn Cesare zum Erzbischof von Valencia. Der Papst schloss ein Bündnis mit dem türkischen Sultan – was ihn nicht hinderte, zum Kreuzzug gegen die Muslime aufzurufen. Und er hatte unverschämtes Glück: König Karl von Frankreich zog mit einer riesigen Armee in Rom ein, verzichtete jedoch darauf, den Papst abzusetzen, wie ihm dessen Gegner im Kardinalskollegium rieten. Ein schwacher, lenkbarer Pontifex war ihm lieber.

Politischer Nutzen statt Liebesheirat

Alexander schickte seinen Sohn Cesare in Schlachten gegen alle möglichen Rivalen und benutzte seine ebenso schöne wie eigensinnige Tochter Lucrezia als Faustpfand, um sie je nach politischem Nutzen zu verheiraten und wieder zu scheiden. Und doch mehren sich unter den Historikern die Stimmen, die dem Borgia-Papst durchaus Verdienste um eine geordnete Verwaltung bescheinigen und – zumindest anfangs – eine kluge Politik im Interesse des Kirchenstaates und seiner Untertanen. Nur durch entschlossene Machtdemonstrationen habe er sein Territorium vor den Attacken der Supermächte Frankreich und Spanien schützen können. Nicht zu vergessen die vielen aus Andalusien vertriebenen Juden, die beim Borgia-Papst Schutz und Asyl fanden.

Familie kümmert sich um Geschäfte des Papstes

Hatte er wirklich den Plan, den Thron Petri erblich zu machen? Jedenfalls arbeitete er daran, das Papstamt zum Familienunternehmen umzuformen. Seine Lieblingstochter Lucrezia war 21 Jahre alt und hatte ihm gerade ein Enkelkind geboren, als er ihr die weltlichen Amtsgeschäfte im Vatikan und seine gesamte Korrespondenz übertrug – für die Zeit, wenn er auf Reisen war.

Hochzeit inszeniert wie ein Volksfest

Lucrezia erledigte ihre Aufgaben dezent und geschickt. In vielen italienischen Fürstenfamilien waren Frauen an den Regierungsgeschäften beteiligt, und immerhin hatte Lucrezia einen im Dienst ergrauten Kardinal an ihrer Seite. Die Öffentlichkeit nahm sie jedenfalls erst dann so richtig wahr, als sie 1501 – wieder im dynastischen Interesse – mit dem Sohn des Herzogs von Ferrara verheiratet wurde. Papst Alexander inszenierte die Hochzeit seiner Tochter wie ein Volksfest, mit Maskentänzen, Schwertkämpfen und Gelagen.

Gedichte in Französisch und Latein

Lucrezia hatte als junges Mädchen ein zurückgezogenes Leben geführt und durfte auch später ihren Palast in der Regel nur in Begleitung ihres Mannes oder des Papstes verlassen. Im Haus ihrer Mutter und bei den Dominikanerinnen im römischen Kloster San Sisto hatte sie Französisch und Latein gelernt – so gut, dass sie Gedichte in diesen Sprachen verfasste, auch Griechisch verstand sie – und beeindruckende Literaturkenntnisse erworben.

Ehemänner verschwinden oder sterben

Und verheiratet war sie auch schon zweimal gewesen. Der erste Ehemann, Giovanni Sforza aus der Mailänder Herrscherfamilie, kam in eine verzwickte Lage, als er zusammen mit dem Papst gegen den in Italien eingefallenen König von Frankreich kämpfen musste, mit dem sich seine Mailänder Verwandtschaft verbündet hatte. Er zog es vor, heimlich aus Rom zu verschwinden, die Ehe wurde aufgelöst. Ehemann Nummer zwei, Alfonso von Aragon, unehelicher Sohn des Königs von Neapel, fiel wiederum einer ganz anderen Allianz zwischen Papst und Franzosen – gegen Spanien und Neapel – zum Opfer und wurde ermordet, angeblich im Auftrag des Heiligen Vaters oder seines Sohnes Cesare.

Stern der Borgia droht unterzugehen

Auch in Ferrara soll sich Lucrezia sehr gewinnend und diplomatisch verhalten haben, was sicher nicht leicht war, weil hier am Hof eine ihrer schärfsten Rivalinnen lebte, die strahlende Isabella d’ Este, ihre Schwägerin. Lucrezia hatte mit ständigen Fieberanfällen und lebensbedrohlichen Krankheiten wie der Malaria zu kämpfen, erlitt mehrere Fehlgeburten, dann starb plötzlich ihr Vater, der Papst, und der Stern der Borgia schien unterzugehen. Doch auch der Schwiegervater starb, Lucrezias Gatte übernahm die Regierung in Ferrara, und weil er sehr oft auswärts weilte, hatte Lucrezia wieder Gelegenheit, sich als umsichtige und tatkräftige Regentin auf Zeit zu beweisen.

Sie verwandelt Sümpfe in fruchtbares Ackerland

Während einer verheerenden Seuche und Hungersnot erschloss sie Quellen für Getreidelieferungen, sogar ihren Schmuck soll sie dafür verkauft haben, sie kümmerte sich nachweislich mit großer Sorgfalt um sämtliche Bittschriften an den Herzog. Für den Schutz der jüdischen Bevölkerung erließ sie ein eigenes Gesetz. Ihr Steckenpferd war es offenbar, vernachlässigte Ländereien in der sumpfigen Poebene aufzukaufen, trockenzulegen und in fruchtbares Ackerland zu verwandeln – wobei sie die angestammten Nutzungsrechte der bäuerlichen Bevölkerung respektierte.

Zauberhafte Briefe

Hatte sie Amouren und Liebhaber? Die hatte jeder an den Fürstenhöfen, und für das beispiellose Lotterleben, das man ihr nachsagte, fehlen die Beweise. Mit Dichtern und Intellektuellen wie Strozzi und Bembo wechselte sie zauberhafte Briefe, deren Andeutungen aber auch als literarische Fiktion gewertet werden. Eine leidenschaftliche Beziehung traut ihr die Forschung am ehesten mit dem etwas derben, aber durchaus galanten Condottiere und Markgrafen Francesco Gonzaga zu, ihrem Schwager.

»Solche Frauen werden Betschwestern«

Auch ist wenig bekannt, dass sich Lucrezia Borgia Zeit ihres Lebens immer wieder in Klöster zurückzog und mehrere Ordensniederlassungen, Waisenhäuser und Spitäler stiftete. Was der Renaissance-Experte Ferdinand Gregorovius im 19. Jahrhundert ungerührt damit kommentierte, so etwas liege wohl »in der Natur des Weibes« und auch an Lucrecias anrüchiger Vergangenheit: »Die meisten Frauen, welche viel gelebt und geliebt haben, werden Betschwestern.«
Nach der Geburt einer Tochter starb Lucrezia Borgia am 24. Juni 1519 an Kindbettfieber. Im Gewand einer Franziskanerin des Dritten Ordens, wie sie es gewünscht hatte, wurde sie im Kloster Corpus Domini zu Ferrara beigesetzt. Dort trat später ihre Tochter Eleonora ein, wurde Äbtissin und eine berühmte Musikerin und Komponistin.
 Von Christian Feldmann

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