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Maria Magdalena – unterschätzte Zeugin

picture alliance/Everett CollectionSchauspielerin Rooney Mara in der Rolle der Maria Magdalena. Im Film kommt es häufiger zu einem Beinahe-Kuss zwischen Jesus und der Jüngerin.

Heilige, Sünderin, Apostelin, Geliebte, Auferstehungszeugin, Prostituierte. Maria Magdalena hat viele Beinamen. Die Bibel verrät nur wenige Details über das Leben der Jüngerin. Dennoch ist sie eine der wichtigsten Frauen im Leben Jesu. Am 22. Juli gedenken ihr Christen weltweit.

privatNeutestamentler Ruben Zimmermann bewundert den Mut der Auferstehungszeugin. Auch heute noch kann Maria Magdalena Menschen Hoffnung in schweren Zeiten schenken.

Leise stöhnt Maria auf, bevor Jesus die langhaarige Brünette ein weiteres Mal sanft am Nacken packt und sie unter Wasser taucht. Eine Szene aus dem Kinofilm »Maria Magdalena« aus dem vergangenen Jahr. Der Film des australischen Regisseurs Garth Davis mit Hollywoodstar Rooney Mara in der Hauptrolle widmet sich dem Leben der Jüngerin, die als erste Zeugin von Jesu Auferstehung gilt.

Spekulationen über gemeinsames Kind

In populärer Literatur kommt es immer wieder zu Spekulationen, Maria sei die Geliebte oder Ehefrau von Jesus gewesen. In dem Thriller »Sakrileg« von Dan Brown ist sogar die Rede von einem gemeinsamen Kind. Dagegen hält sich der neueste Maria-Streifen noch zurück. In einigen Szenen blicken sich Maria und Jesus tief in die Augen. Ein Kuss bleibt jedoch aus.
Ruben Zimmermann hat den Film nicht gesehen. Der Theologe hält aber generell nicht viel von solchen »populistischen Maria-Rezeptionen«. Der Neutestamentler und Ethiker an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz hat sich viel mit Maria Magdalena beschäftigt.

Das weitere Schicksal bleibt ungewiss

In allen vier Evangelien taucht die Frau auf. Ihr Beiname verweist auf den Ort Magdala am See Genezareth. Im Lukasevangelium (Lukas 8,2) taucht sie erstmals unter den Frauen auf, die Jesus geheilt hat und die ihn anschließend begleiteten. Mehrere Evangelien berichten, dass sie beim Kreuz Jesu stand und bei seinem Begräbnis dabei war. Der Auferstandene gab der Erstzeugin den Auftrag, den Jüngern die Osterbotschaft zu überbringen. Über das weitere Schicksal der Jüngerin schweigt die Bibel.

Maria handelt

Besonders hervorzuheben sei die Rolle der Apostelin im Johannesevangelium, sagt Zimmermann. Anders als bei den Synoptikern Matthäus, Markus und Lukas bleibt es beim Evangelisten Johannes nicht bei der bloßen Erwähnung Marias. Vielmehr trete Maria handelnd in Erscheinung. Die Frau aus Magdala sieht das leere Grab und sucht Jesus. Sie sieht einen Gärtner und fragt ihn, ob er ihn gesehen hat. Als dieser sie mit ihrem Namen anspricht, erkennt Maria, dass es der auferstandene Jesus ist.

Gärtner als Symbol für neues Leben

Solche mehrstufigen Erkenntnis-Szenen seien typisch für das Evangelium nach Johannes, erklärt der Theologe. Wie auch die Samariterin oder der Blindgeborene erkennt Maria Jesus nicht auf Anhieb. Die Figur des Gärtners habe eine symbolische Kraft, sagt Zimmermann. Sie sei eine Anspielung auf den Garten Eden. Die Botschaft: Jesus schenkt neues Leben.

Geliebten-Gerücht biblisch nicht zu beweisen

Mit einem der hartnäckigsten Gerüchte über Maria Magdalena räumt Zimmermann auf: Die Zuschreibung von Maria als Geliebte Jesu sei biblisch definitiv nicht zu beweisen, stellt der Experte klar. Auch der bis heute populäre Mythos von Maria als Sünderin oder gar Prostituierte sei nicht haltbar, unterstreicht Zimmermann.

Offene Haare und andere erotische Anspielungen

Papst Gregor der Große (540–604) verbindet Maria Magdalena in seinen Magdalenenhomilien mit der namenlosen Sünderin aus dem Lukasevangelium. Lukas 7,36-50 erzählt die Geschichte einer sündigen Frau, die Jesus die Füße salbt. Die Erzählung sei geprägt von erotisierenden Untertönen, erläutert Zimmermann. Das hebräische Wort für Füße werde auch als Ausdruck für die menschlichen Geschlechtsteile verwendet, erklärt der Exeget. Auch die offenen Haare der Frau seien eine erotische Anspielung. Da in Kapitel 8 direkt die Geschichte der Austreibung der sieben Geister von Maria anschließt, kam es zu entsprechenden Fehlinterpretationen.

Heiliger Kuss

Auch ein Blick in außerbiblische Schriften könne Marias Ruf als Sünderin nicht belegen, sagt Zimmermann. Im Philippusevangelium, das nicht in der Bibel steht, heißt es, Jesus küsse Maria auf den Mund. Gemeint sei hier aber eher der sogenannte heilige Kuss, wie Zimmermann erklärt.

Maria war ein Allerweltsnamen

Als weitere Quelle werde oft das Evangelium der Maria aufgeführt, erklärt der Theologie-Professor weiter. Das Dokument gehört zu den Apokryphen, steht also ebenfalls nicht in der Bibel. Es sei nicht sicher, ob die Schrift tatsächlich Maria Magdalena zuzuordnen ist. Maria sei damals ein Allerweltsname gewesen, erklärt Zimmermann.

Herausragende Rolle nicht ausreichend gewürdigt

Maria Magdalena als Symbol für eine Sünderin, eine Außenseiterin. Das sei erst einmal positiv, findet der Wissenschaftler. Schließlich sei es richtig, dass Jesus sich den Marginalisierten zuwandte. Schade findet Zimmermann jedoch, dass dieses Bild so dominant ist. Damit werde die herausragende Rolle von Maria als Frau und erste Zeugin der Auferstehung nicht hinreichend gewürdigt.
Seit drei Jahren ist Maria aus Magdala immerhin auch im liturgischen Kalender den männlichen Aposteln gleichgestellt. Den bisherigen Gedenktag am 22. Juli wandelte Papst Franziskus in ein »Fest« um.
Carina Dobra

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