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Clemens Bittlinger

Meister der frommen Gassenhauer

esz/Erika HemmerichGitarre spielen lernt Clemens Bittlinger als Jugendlicher von seinem älteren Bruder. Inzwischen steht der Pfarrer bei rund 100 Konzerten jährlich auf der Bühne.

RIMBACH. Liedermacher oder Rockpfarrer – Clemens Bittlinger kann mit beiden Zuschreibungen leben. Das Lied des Musikers »Aufstehn, aufeinander zugehn…« hat Kultstatus. Im Gespräch verrät er, zu welchem Anlass er es komponiert hat.

Wir wollen aufstehn, aufeinander zugehn« – in Kirchen, Klöstern und auf Festivals wird dieses Lied gesungen, in Kindergärten, Kulturzentren, Schulen, sogar Altenheimen in Deutschland und weltweit. Millionen Klicks hat es bei YouTube: »Voneinander lernen, miteinander umzugehn«. Das muss ein Lied erstmal schaffen. Es stammt aus der Feder Clemens Bittlingers. Der hessen-nassauische Pfarrer und Liedermacher steht seit 38 Jahren auf der Bühne, gibt in jedem Jahr rund 100 Konzerte – und wird am 8. August 60 Jahre alt. Und er singt immer noch »Aufstehn, aufeinander zugehn …«, das hat schon Kultstatus.

Was viele nicht wissen: Bittlinger komponierte diesen Gassenhauer 1995 für eine Osterrocknacht im Privatfernsehen. »Die Show sollte auch eine Aktion gegen Ausgrenzung und Ausländerfeindlichkeit in Gang setzen«, erzählt er und verrät, dass er für das »Dab dab daba du daa dab« eine Anleihe aus einem Song der Band Purple Schulz übernommen hat, mit Erlaubnis selbstverständlich.

Das Lied erreicht die Menschen

Schnell tritt der beherzte Rumtata-Song seinen Siegeszug an – auch durch Kirchengemeinden. Vielen traditionellen Kirchenmusikern war – und ist – der Erfolg des Liedes ein Gräuel, zu schlicht und einfach. Eine Zeitschrift bemäkelte gar »das rhythmisch ekstatische Kleid« des Liedes. »Inzwischen reagiere ich gelassen auf solche Kritik«, sagt Bittlinger. Er merkt Wochenende für Wochenende: Das Lied erreicht die Menschen und bringt sie tatsächlich zum Aufstehen – was herkömmliche Kirchenlieder nur selten schaffen.

Das Wort »Gott« kommt nicht oft vor

Obwohl er Pfarrer ist: Das Wort »Gott« kommt in Clemens Bittlingers Liedern gar nicht so oft vor. Missionarisch ist er dennoch. So wie sein Vater, Arnold Bittlinger, der war ebenfalls Pfarrer und arbeitete im Volksmissionarischen Amt. Auf einer Studienreise durch die USA lernte er die dortige charismatische Bewegung kennen und sorgte dafür, dass sie in Deutschlands behäbigen Landeskirchen Fuß fassen konnte. Die Gottesdienste sollten lebendiger werden, dem Wehen des Geistes mehr Raum lassen. Clemens wuchs also in frommem Hause mit weitem Horizont auf.

»Sei ehrlich.«

Mit 17, 18 wandte er sich von der elterlichen Richtung ab. Gleichzeitig merkte er: In der Christenwelt tut sich etwas. Neue, junge und unkonventionelle Liedermacher tauchten auf und sangen in einer ungekannten Weise vom Glauben. Vom älteren Bruder lernte er Gitarre. Begeistert hörte er die Musik von Reinhard Mey und Konstantin Wecker. Er schrieb erste Lieder, sein Vorsatz dabei: »Sei ehrlich. Versuch keine frommen Phrasen oder sowas unterzubringen und versuche nicht, auf jede Frage eine fromme Antwort zu finden.«

Musikalisch zwischen Schlager, Pop und Chanson

Schnell macht er von sich reden. Sein erster Erfolg: ein Lied, in dem er erzählt, was er in der Verhandlung zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer gefragt wird: »Warum singst du nicht in Kambodscha?« Junge Christen horchten auf. Hier war einer fromm und gleichzeitig politisch eher links. Ein Lichtblick für viele in der politisch stockkonservativen evangelikalen Christenszene.

Seitdem ist Clemens Bittlinger auf vielen Grenzen unterwegs und lässt sich nicht so recht einordnen. Musikalisch zwischen Schlager, Pop und Chanson, geistlich zwischen pietistischer Frömmigkeit und volkskirchlichem Mainstream-Glauben. Textlich zwischen politischem Liedermacher-Jargon und dem, was Kritiker mit dem bösen Wort »Betroffenheitslyrik« bezeichnen. Die ZEIT beschrieb Bittlinger kürzlich als Mischung aus Bruce Springsteen und Jürgen Fliege. Das passt: Kernig hält er die Gitarre, doch die Songs, die herauskommen, sind eher gefühlig.

Er äußert sich zu aktuellen Themen

Wochenende für Wochenende tingelt der zweifache Familienvater aus dem Odenwald durch Kirchengemeinden zwischen Erzgebirge und Ostfriesland, spielt aber auch auf großen christlichen Events wie Kirchentagen. Dabei hält er mit seiner Meinung zu aktuellen Themen nicht hinterm Berg. Homosexualität, Frieden, rechte Populisten, Handy- und Tätowierwahn – es gibt kaum ein Thema, das Bittlinger auslässt. Sein neuester Streich: »F-F-F – Fridays for Future«, ein Schunkel-Mitsinglied über Greta Thunberg, sinnigerweise kinderchorfähig. »Mich rührt, was die 16-jährige Schülerin da macht. Und wenn mich etwas bewegt, muss ich ein Lied darüberschreiben«, erklärt er. Mehr als 500 Lieder sind so entstanden. Auch vor Kritik an kirchlichen Missständen macht Bittlinger nicht halt. »Mensch Benedikt«: Unter diesem Titel schrieb er im Jahr 2007 einen musikalischen Brief an den damals amtierenden Papst, in dem er gut protestantisch den »Chef einer der Kirchen« kritisierte. Als Pfarrer arbeitete Bittlinger da bereits für die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau als Referent für Mission und Ökumene. Seine Papstkritik war also fundiert und nicht nur die Meinung eines Liedermachers. Und er scheute sich nicht, das Lied sozusagen in der Höhle des Löwen zu singen: mitten in Rom, in der dortigen evangelischen Kirche. Und dann noch auf dem Katholikentag in Osnabrück.

Eine Wutwelle ergoss sich über ihn

Von papstkritischen Katholiken erhielt er Zuspruch, katholische Fundamentalisten hingegen waren empört. Eine Wutwelle ergoss sich über Bittlinger. »Du dreckige Protestantensau«, er sei »vom Teufel besessen«, las er in Briefen und E-Mails – es gab sogar Morddrohungen. Ein Konzert musste unter Polizeischutz stattfinden. Glaubensfundamentalisten würden das Fegefeuer für Bittlinger anheizen, meinte der SPIEGEL. Bittlinger war kurz irritiert. Letztlich aber, das weiß er wohl, macht ihn so etwas nur bekannter und nützt dem Absatz.

»Da wo ich bin, da will ich sein«

Auf den Verkaufstischen bei seinen Konzerten stapeln sich die Waren. Seine Bücher tragen Titel wie: »Habseligkeiten – Eine Anleitung zum Glücklichsein«. Oder: »Da wo ich bin, da will ich sein: Von der Freiheit, authentisch zu sein.« Oder: »Jesus und Yoga – eine Spurensuche«. Außerdem unzählige CDs. Auch sie tragen Titel, die wie Lebensratgeber klingen: »Bleibe in Verbindung«, »Bitte frei machen«, »Atem – Klang der Seele«. Eine DVD mit einem Konzertmitschnitt gibt es auch, sie heißt, klar: »Aufstehn, aufeinander zugehn«.

Wie lange er dieses Lied eigentlich noch singen will? »Bis man mich von der Bühne trägt oder mir gute Freunde sagen: ›Allmählich wirst du peinlich‹«, antwortet er lachend. »Und ich hoffe, dass ich dann nicht im Altersstarrsinn darauf beharre, trotzdem weiterhin aufzutreten!«

Von Uwe Birnstein

Auf SWR2 läuft am 4. August um 12.05 Uhr unter dem Titel »Provokanter Rockpfarrer« ein Porträt Bittlingers.

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