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Stasi war dabei

Ostdeutsche Sozialdemokratie aus Pfarrhaus

epdDas Pfarrhaus im nördlich von Berlin gelegenen Schwante, in dem insgesamt 43 Frauen und Männer aus fast allen Bezirken der damaligen DDR die Sozialdemokratische Partei (SDP) wiedergründeten.

Der Massenprotest auf der Straße in der DDR wächst, da beschließen zwei evangelische Pfarrer: Eine Oppositionspartei muss her. Mit dem Aufruf zur Neugründung der ostdeutschen Sozialdemokratie gehen sie im Spätsommer 1989 an die Öffentlichkeit.

Dieses Pfarrhaus war einen Tag lang ein ganz besonderer Ort: Als am 7. Oktober 1989 in der DDR in den Kirchenräumen von Schwante bei Berlin evangelische Pfarrer und andere Oppositionelle zu einem konspirativen Treffen zusammenkamen, wurde hier Geschichte geschrieben. Während die SED in Ost-Berlin mit Militärparaden den 40. Jahrestag der DDR-Gründung feierte, gründeten sie die erste politische Partei der Protestbewegung, die neue »Sozialdemokratische Partei« (SDP) – ein offener Affront gegen den Staat.

Ziel war die soziale Demokratie

»So kann es nicht weitergehen«, hatten die Initiatoren, die Pfarrer Markus Meckel und Martin Gutzeit, den Gründungsaufruf überschrieben: Der Wahrheits- und Machtanspruch der SED stehe der Demokratisierung des Landes im Weg. Die Massenbewegung der DDR-Flüchtlinge war längst im Gang, als der Aufruf am 26. August 1989 in der Ost-Berliner Golgatha-Gemeinde öffentlich vorgestellt wurde. »Unser Ziel«, hieß es in dem Aufruf kurz und bündig: »eine ökologisch orientierte soziale Demokratie.«

Längste demokratische Tradition

»Wir wollten eine parlamentarische Demokratie westlichen Musters«, so hat Meckel, der später bis 2009 fast 20 Jahre lang für die SPD im Bundestag saß, die Pläne einmal zusammengefasst: »Und wir wollten uns in die längste demokratische Tradition in Deutschland stellen.« Deshalb die Sozialdemokratie.

Theologen wollten keine lockere Organisation

Andere Oppositionsgruppen entstanden zur gleichen Zeit, das »Neue Forum«, »Demokratie Jetzt«, der »Demokratische Aufbruch«, der »Unabhängige Frauenverband«. Doch die Theologen haben sich bewusst für eine Partei und gegen die lockere Organisation entschieden.

Kampfansage an den Ein-Parteien-Staat

Die Parteigründung war eine klare Herausforderung der SED, die sich seit der Zwangsvereinigung der alten SPD mit der KPD in Ostdeutschland 1946 auch als Nachfolgerin der Sozialdemokratie präsentierte. »Wir haben gewissermaßen eine Hand aus dem Parteiabzeichen der SED gezogen«, erklärte Meckel. Dem Ein-Parteien-Staat mit den Blockparteien CDU, LDPD, NDPD und Bauernpartei, die bei den Volkskammerwahlen gemeinsam mit der SED auf Einheitslisten als »Nationale Front« antraten, wurde der Kampf angesagt. Ein weiterer Pfarrer, Steffen Reiche, hatte sich unabhängig von Gutzeit und Meckel mit gleichem Ziel auf den Weg gemacht. Im Herbst 1989 fanden sie zueinander, andere schlossen sich an.

Gründungsurkunde sicher versteckt

Ein konspirativer Gründungsort wurde gesucht, der Pfarrer von Schwante stellte seine Räume zur Verfügung. Damit die Stasi nichts verhindern konnte, wurde am 2. Oktober vorab eine provisorische Gründungsurkunde unterzeichnet und sicher versteckt. In der Nacht zum 7. Oktober sollten sich die rund 40 SDP-Gründungsmitglieder nicht mehr zu Hause aufhalten, um möglichen Verhaftungen zu entgehen. »Die Spannung war groß«, hat es Meckel beschrieben: »Ich selbst bin ab dem 2. Oktober untergetaucht, selbst meine Frau wusste nicht, wo ich bin.«

Stasi war schon bei der Gründung dabei

 Dass die Stasi fast von Anfang an mit am Tisch saß, wusste damals noch niemand: Unter den ersten SDP-Interessierten war auch Ibrahim Böhme, der die Partei 1990 in den Wahlkampf führte und danach als Stasi-Spitzel enttarnt werden sollte.

Überall entstanden neue Ortsgruppen der Sozialdemokraten

In Schwante musste dann alles ganz schnell gehen. Steffen Reiche fuhr schließlich nach Ost-Berlin, um West-Journalisten die Nachricht von der Parteigründung zu überbringen. Dann wurde alles zum Selbstläufer. Während die Massendemonstrationen der DDR-Opposition zunahmen, entstanden auch überall neue Ortsgruppen der Sozialdemokraten.

Ost- und Westdeutsche vereinigen sich

Warum ausgerechnet evangelische Pfarrer die SDP-Gründung organisiert haben, bleibt offen. »Diese Frage kann man nicht beantworten«, hat Markus Meckel dazu einmal gesagt: »Das hätten auch andere tun können.« Im September 1990 vereinigte sich die Partei mit der westdeutschen SPD.
Yvonne Jennerjahn/epd

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