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Unseriöse Heilsversprechen

Pfingstkirchen breiten sich in Deutschland aus

dpa/Ian CheihubSymbolbild: Viele Mitglieder von Pfingstkirchen nehmen an der letzten evangelischen Messe vor der Wahl in Brasilien teil. Sie beten für den rechtspopulistischen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro. Er gewinnt die Wahl.

Die charismatischen Pfingstkirchen wachsen und versuchen, sich auch in Deutschland zu etablieren. Die Universalkirche vom Reich Gottes etwa wurde 1977 in Brasilien gegründet. Sie ist eine neo-pentekostale, also neu-pfingstlerische charismatische Kirche, die zu einer der größten Kirchen Brasiliens geworden ist. In Berlin betreibt sie in einer ehemaligen evangelischen Kirche das Hilfszentrum Universal.

Die etablierten Kirchen in Deutschland verlieren Mitglieder. Die charismatischen Pfingstkirchen dagegen melden enorme Mitgliederzuwächse, vor allem in Lateinamerika, Afrika oder Asien. Auch in Deutschland versuchen sie zunehmend Fuß zu fassen.

Kirche wurde entwidmet

Beispielhaft dafür steht die Neue Nazarethkirche am Leopoldplatz in Berlin-Wedding. Die Kirche wurde 1893 eingeweiht. Sie war die zweite Predigtstätte der aus allen Nähten platzenden Arbeitergemeinde. Doch genau 100 Jahre später war damit Schluss. Die Kirche wurde entwidmet und an den Bezirk veräußert, der den Sakralbau 1993 für heute umgerechnet 245.000 Euro an die Freikirche »Gemeinde Gottes Deutschland« weiter verkaufte. Diese wiederum hat die ehemalige Kirche an das Hilfszentrum Universal vermietet. Nun will das Hilfszentrum die Neue Nazarethkirche kaufen.

Vier Gottesdienste jeden Tag

Denn das Hilfszentrum scheint Erfolg zu haben. Einen Altar gibt es hier nicht, sondern ein ausladendes hölzernes Predigtpult. Dahinter an der weiß getünchten Wand ein Kreuz mit neonlichtverstärkter Schrift: »Jesus Christus ist der Herr.« Davor sind Stühle gestellt. Mindestens vier Mal am Tag außer samstags wird hier Gottesdienst gefeiert. Die Predigt ist auf Deutsch und wird simultan via Kopfhörer auf Portugiesisch übersetzt. Augenscheinlich stammen viele der Besucher aus Brasilien. Der Pastor redet sich – untermalt von erbaulicher Instrumentalmusik vom Band – schnell in Rage: Es gebe einen Ausweg für alle Probleme. Egal in welchem Lebensbereich, ob finanziell, gesundheitlich, geistlich, seelisch, im Gefühlsleben oder allgemein. An einem Mittwochnachmittag um 15 Uhr hören ihm etwa zwei Dutzend Menschen zu. Laut Presseberichten sind bei einem Sonntagsgottesdienst die Kirchenbänke voll.

Ohne Medikamente frei von Depressionen

Schon im Kirchen-Vorraum steht ein »Gebetspunkt«, eine Art Stehtisch. Dort erwartet die Besucher ein Versprechen: »Werden Sie frei von der Depression. Ohne Krankenhausaufenthalt, ohne Medikamente und kostenlos.« Und das alles in drei Minuten, suggeriert eine aufgedruckte Uhr mit rot markiertem Minuten-Abschnitt. Anders als bei einem Arzt, braucht man keinen Termin.

Verantwortliche halten sich bedeckt

Wie das aber nun genau mit den Heilungen gehen soll, und ob da wirklich kein Geld im Spiel ist, wollen die Pastoren der Kirche nicht beantworten, auch nicht die Frage nach der Zahl der Gläubigen in Berlin oder Deutschland. Ton- und Bildaufnahmen sind unerwünscht. Das könnte daran liegen, dass das Hilfszentrum Teil der brasilianischen »Universalkirche vom Reich Gottes«, auf Portugiesisch »Igreja Universal do Reino de Deus« ist. Sie wurde erst 1977 gegründet und ist zu einer der größten neu-pfingstlerisch-charismatischen Kirchen Brasiliens geworden, die auch erheblichen Einfluss auf die Politik hat.

Geschichte der Kirche ist begleitet von Skandalen

»Dem jetzigen Präsidenten Bolsonaro wird nachgesagt, dass er enge Kontakte zum Gründer der Kirche hat, dem selbst ernannten Bischof Edir Macedo. Dieser war ursprünglich ein einfacher Angestellter. Die Geschichte der Universalkirche ist begleitet von Skandalen. Da geht es um den Vorwurf der Veruntreuung von Spendengeldern, um Geldwäsche, Kindesentführung«, sagt Friedmann Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Er versucht, die wenigen ihm vorliegenden Informationen zusammenzufassen

»Frühere Pastoren verbreiten Fake News«

Auf mehrfache schriftliche Anfrage teilt Pastor Ulices Vidal vom Berliner Hilfszentrum mit: »Der Bischof Macedo lebt von seiner pastoralen Tätigkeit und dem Urheberrecht, das er aus den zig Millionen verkauften Büchern erhält. Es gibt verschiedene Pastoren, die aus der Kirche entlassen wurden und somit durch ›Fake News‹ sich rächen wollen. Die Kirche hält sich an das Gesetz und lebt eng mit den Steuerbehörden zusammen. Es ist absolut falsch, dass sie Geldwäschepraktiken hat.«

Architektonische Botschaft der Megakirchen

Einige Megakirchen haben eigene Medienproduktionsräumen und einen Helikopterlandeplatz. Während die etablierten Kirchen schrumpfen, so die architektonische Botschaft, können die Gebäude der Universalgläubigen gar nicht groß genug sein. Das Geschäftsmodell: Nur wer seiner Kirche viel Geld spendet, mindestens zehn Prozent des eigenen Vermögens, den wird Gott mit Gesundheit, Reichtum und Wohlstand belohnen, verspricht der charismatische Bischof Macedo. Mittlerweile gehören ihm etwa Dutzende Radio- und Fernsehstationen.

Heilsgeschichten verführen die Menschen

»Dass man darauf hereinfällt, mag für uns verwunderlich sein. Aber es geschieht in Kontexten, wo die Not so groß ist, dass die Versprechungen das überwölben und attraktiv erscheinen.« Zudem gebe es »viele Zeugnisse in Gottesdiensten oder im Internet«, fügt Eißler hinzu. »Menschen sagen, wie sie ihre Heilung erfahren haben. Was sie jetzt für ein glückliches Leben, welchen Wohlstand sie erreicht haben. Das verleitet Menschen offensichtlich dazu, den Verstand an zweite Stelle zu setzen«, versucht der Weltanschauungsbeauftragte den Erfolg der Pfingstkirche zu erklären.

Erfahrung widerspricht den Versprechungen

Die Universalkirche hat nach eigenen Angaben weltweit neun bis zehn Millionen Anhänger. In Deutschland tritt sie in bisher elf deutschen Städten unter dem Titel »Universal-Hilfszentrum« auf. Der nationale Hauptsitz ist in Berlin-Wedding. Für den langjährigen Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Reinhard Hempelmann, sind die Heilsversprechen problematischer Teil einer weltweit erfolgreichen pfingstlich-charismatischen Bewegung: »Sie können in manchen Pfingstgemeinden einen fast grenzenlosen Heilungsoptimismus vorfinden, der aber in Konsequenz auch verletzend wirken kann. Menschen wird quasi in Aussicht gestellt ›Du kannst ganz schnell heil werden‹, ›Du kannst ganz schnell die Probleme Deines Lebens lösen‹. Und die Erfahrung zeigt, dass dies nicht möglich ist.«

Wer Misserfolg hat ist selber schuld

Alles Schlechte ist nach pfingstlich-charismatischer Lesart eine Folge persönlicher Sündhaftigkeit. Wer Misserfolg hat oder krank bleibt, hat eben zu wenig geglaubt und zu wenig Geld gespendet. Damit werde großer psychischer Druck ausgeübt, sagen die Kritiker.

Kirche will ihre deutsche Präsenz ausbauen

Bisher ist das Universal-Hilfszentrum nur Mieter in der Nazarethkirche. Die neu-pfingstlerische Gemeinschaft steht aber zum Kauf bereit, um ihre deutsche Präsenz ausbauen zu können. Der zuständige grüne Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Stephan von Dassel, zeigt sich wenig begeistert: »Die Universalkirche, das was da gelehrt und kommuniziert wird, passt nicht in unseren Bezirk. Diese Heilsversprechen, die dort gemacht werden, insbesondere wenn man viel Geld an den Erfinder dieser Universalkirche gibt, das finde ich unseriös und das wollen wir dann auch nicht in einer ehemaligen bezirklichen Liegenschaft haben.«
Von Thomas Klatt

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