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Sea-Watch

Rettung vor dem Tod im Meer

epd/Lukas WeinspachDie Marburger Ärztin Ruby Hartbrich behandelt an Bord der »Sea-Watch« bei einem ihrer Einsätze 2016 einen Flüchtling, den das Rettungsschiff aufgenommen hat.

MARBURG/BERLIN. Acht Mal half die Marburger Ärztin Ruby Hartbrich auf Rettungsschiffen der Organisation »Sea-Watch« im Mittelmeer. Doch Europa sperrt sich gegen die Seenotrettung: Bei Hartbrichs letztem Einsatz im April durfte das Schiff den Hafen nicht verlassen.

Im April wollte Ruby Hartbrich (29) wieder auf der »Sea-Watch 3« helfen, dem Seenotrettungsschiff im Mittelmeer. Doch die »Sea-Watch« durfte den Hafen nicht verlassen. Erst nach einer Gerichtsentscheidung stach das Boot kürzlich erneut in See – da war die Ärztin längst wieder in Marburg. Vor der Küste Libyens versuchen die Ehrenamtlichen, in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten. Keine leichte Mission. »Wir müssen für Menschlichkeit kämpfen und dafür auf die Straße gehen«, fordert Hartbrich bei einer Veranstaltung in Marburg ihre Zuhörer auf.
Die Ärztin hat dem Publikum einen Film über die Arbeit von »Sea-Watch« mitgebracht, einem Berliner Verein, der Rettungsaktionen im Mittelmeer organisiert. Zu sehen sind dramatische Szenen: Helfer ziehen Migranten an Bord der »Sea-Watch«. Dort liegen sie dicht gedrängt, einige weinen, zittern, eingehüllt in die glitzernden, bronzefarbenen Rettungsdecken. Ein Helfer hält ein Kind im Arm, um sein Handgelenk klebt ein Zettel mit Zahlen: Telefonnummern von Verwandten, vermutet der Retter.
Acht Mal half Ruby Hartbrich bereits auf den Rettungsschiffen von »Sea-Watch«. 2015, damals noch Studentin, sah sie Bilder des Unglücks vor Lampedusa, wo vermutlich Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken. Sie bewarb sich bei dem Verein. Wenig später startete ihr erster Einsatz.
Drei Wochen am Stück seien die Ehrenamtlichen an Bord, berichtet Hartbrich. Die Crew besteht aus Medizinern, Mechanikern, Matrosen, Schnellbootfahrern und einem Koch. Hat das Boot Flüchtlinge gerettet, versucht es, sie an Land zu bringen. Doch immer mehr Länder weigern sich, die Menschen aufzunehmen. Sie seien zuletzt bis nach Spanien gefahren, berichtet die Ärztin. Eine lange Reise, während der die »Sea-Watch« nicht vor der libyschen Küste war und niemanden retten konnte.
Im Film ist zu sehen, dass es verschiedene Boote mit Migranten gibt: Mal sind auf ihnen vor allem Männer aus Schwarzafrika, mal Frauen mit Kindern, mal nur Bangladeschis. Auch die Ausstattung der Boote variiere; einige hätten Trinkwasser dabei, sagt Hartbrich. Migranten nach Europa zu bringen, ist ein gutes Geschäft für Schlepperbanden. Es existiere ein Markt, erklärt die Ärztin.
»Sea-Watch« wird manchmal vorgeworfen, Teil dieses Marktes zu sein: Weil Flüchtlinge gerettet werden, versuchten noch mehr Schlepper, noch mehr Menschen über das Mittelmeer zu schleusen. Hartbrich entgegnet: Migranten, die sie retten, sagten, dass sie lieber ertrinken würden. Aber niemals gingen sie zurück nach Libyen oder in ihre Heimat. Wer so denkt, fliehe sowieso, argumentiert sie.
Vor Libyen spiele sich derzeit das hauptsächliche Flüchtlingsgeschehen ab. Es sei sehr leicht, in das kriegszerrüttete Land zu kommen. In Libyen herrschten dann allerdings furchtbare Zustände: Die Flüchtlinge lebten zu Tausenden in Lagern. Sie berichteten von Gewalt, Folter und Sklaverei.
Die Erkrankungen der Flüchtlinge, die Hartbrich behandeln muss, reichen von Verbrennungen bis zu Infektionskrankheiten. Alle seien seekrank, viele dehydriert, einige hätten Schusswunden oder schlecht verheilte Brüche, die sie sich auf der Flucht zuzogen. Manchmal sieht die Ärztin auch Leichen. Aber meistens würden die Toten bereits vorher über Bord geworfen.
Manche Situationen erlebt sie als traumatisierend. Etwa, wenn Boote untergegangen sind. Immer weniger Rettungsschiffe seien im Mittelmeer im Einsatz, weil die EU sich gegen die Seenotrettung formiert habe. Hartbrich fordert: »Europa muss eine staatliche Seenotrettung organisieren.« Es brauche legale Fluchtwege nach Europa, damit die Menschen nicht den tödlichen Weg übers Meer wählen müssen.
Im August steht ihr nächster Einsatz auf der »Sea-Watch 3« an. Hartbrich, die als Ärztin in der Tropenmedizin arbeitet, hofft, dass das Boot dann nicht wieder im Hafen festgesetzt wird.

Stefanie Walter / epd

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