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Nigeria

Schleusern die Kundschaft entziehen

epd/Thomas LohnesDie in ihr Heimatland Nigeria zurückgekehrten Flüchtlinge Nosa Okundia (links) and Happiness Ehimen am Busbahnhof in Abuja, Nigeria. Von hier aus machen sich viele Flüchtlinge auf den Weg nach Europa.

ABUJA. Nosa Okundia und Happiness Ehimen haben auf der Reise nach Europa fast ihr Leben verloren. Heute leben sie wieder in Nigeria und haben nur ein Ziel: Andere vom Höllentrip durch die Sahara abzuhalten.

epd/Thomas LohnesDie nach ihrem Fluchtversuch nach Europa in ihr Heimatland Nigeria zurückgekehrte Avour Omoruyi (unten) erzählt in einem Gemeindehaus in einem Vorort von Benin City die Geschichte von ihrer Flucht und Rückkehr.

Nosa Okundia ist 30 und hat schon viele Leben gelebt: Er war der Sohn mittelloser Eltern, die eines Nachts bei einem Brand ihr Obdach verloren; ein Träumer, der in Europa sein Glück suchen wollte, ein Flüchtling und die Ware brutaler Schleuser. Im libyschen Kerker wurde der kahlgeschorene, schlaksige und zugleich muskulöse Nosa zum Sprecher der Internierten gewählt und brachte sie schließlich alle zurück nach Nigeria. Dort versucht er jetzt, andere von der Flucht abzuhalten: In Schulen, in Kirchengemeinden und auf Marktplätzen erzählt er seine Geschichte.

Täglich machen sich Dutzende auf den Weg

Die Herausforderung ist riesig, das weiß Nosa. 2016, als er aufbrach, flohen fast 40 000 Nigerianer vor Armut und Not über das Mittelmeer nach Italien. Und immer noch machen sich täglich Dutzende auf. Wie viele auf der Flucht sterben, weiß niemand. Sie verdursten, werden totgeprügelt oder erschossen, noch ehe sie das Mittelmeer erreichen.

Sie haben den Höllentrip schon hinter sich

Mit ausdrucksloser Miene beobachtet Nosa das Treiben auf einem Busbahnhof am Rande der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Fahrgäste drängen in die dicht gepackten Busse. »Da sind einige dabei, die auf dem Weg nach Europa sind«, sagt er mit leiser, fester Stimme. Neben ihm steht seine Mitstreiterin Happiness Ehimen und nickt. Die 30-Jährige hat ihre Haare mit blonden Extensions verlängert. Auch sie hat den Höllentrip in Richtung Europa schon hinter sich. »Ich habe mir vorgenommen, Nigeria zu verlassen, als meine Mutter starb. Sie hatte nur Husten, aber wir hatten kein Geld für Medizin, und dann starb sie einfach.« Eine Freundin überzeugte sie, ihr Glück in Europa zu versuchen.

Lockvögel wollen angeblich helfen

Heute weiß sie, wie naiv das war. In ihrer Notlage aber klang die Flucht wie eine gute Idee. Anderen geht es ähnlich. Mal sind es Freunde, mal von Schleusern bezahlte Lockvögel, die angeblich helfen wollen.

Je länger sie redet, desto stiller wird es

Happiness war Mitte 20 und schöpfte zum ersten Mal in ihrem Leben Hoffnung. Beinahe hätte sie das ihr Leben gekostet. Wenn sie heute ihre Geschichte erzählt, setzen sich Jugendliche auf Kisten oder den staubigen Boden, in der Hand eine Limoflasche, und hören zu. Je länger sie redet, desto stiller wird es.

Menschen werden zur Ware

In Happiness’ Stimme liegt eine unerbittliche Dringlichkeit, etwa, wenn sie von der Nacht erzählt, in der ein Motorrad sie ohne Licht in halsbrecherischem Tempo über die grüne Grenze nach Niger brachte. Eine Frau blieb nach einem Unfall zurück. Fahrten auf der gedrängt vollen Ladefläche eines Pick-up unter der grellen Sahara-Sonne, Schläge und Vergewaltigungen bei der Übergabe von einer Schleuserbande an die nächste. Wer einmal die mehr als 4000 Kilometer lange Strecke bis zum Mittelmeer begonnen hat, ist zur Ware der Schleuser geworden.

Woanders ist das Gras grüner

Happiness und Nosa tragen das gleiche T-Shirt, auf dem ihr Motto gedruckt ist. »Make the green greener«, steht darauf, es bezieht sich auf das englische Sprichwort, nach dem das Gras woanders immer grüner ist als das eigene.

In Nigeria fehlt es an Arbeit

»Wir müssen es bei uns grüner machen, nur dann riskieren die Jungen nicht ihr Leben«, sagt Happiness. Nach ihren Vorträgen klappern die beiden deshalb Werkstätten und kleine Läden ab, um nach Ausbildungsstellen zu fragen. Es fehlt an Arbeit. Auch deshalb lockt Europa.
Suche nach Alternativen
»Wir erzählen unsere Geschichten, wir zeigen Videos, die wir mit dem Handy aufgenommen haben, aber trotzdem nehmen die meisten Leute unseren Rat nicht an«, sagt Happiness. »Sie fragen: Okay, wir sollen nicht nach Europa fliehen, aber was bietest Du uns stattdessen an?«

Zentrum für Rückkehrer

Wenn es nach den beiden ginge, würden sie Traumatherapien und Ausbildungen anbieten, die ganz praktisch etwas bringen. Ihr Traum: Ein Zentrum in Benin City, dem Knotenpunkt für nigerianische Migranten. Hier soll denen geholfen werden, die gehen wollen – vor allem aber denen, die von einer gescheiterten Flucht zurückkehren.

Menschenhändler müssen Polizei nicht fürchten

Denn die Rückkehr, sagt Nosa, sei fast schwieriger gewesen als die Flucht. Sein erspartes Geld hatte er auf der Flucht verbraucht, er hatte hohe Schulden, sein Ruf bei Familie und Freunden war dahin. Auch deshalb blieb er in Benin City, so wie die meisten Rückkehrer. Nach Hause können sie nicht.
Nosa und Happiness machen sich keine Illusionen. Sie wissen, wie mächtig ihre Gegner sind. Menschenhändler müssen nicht viel befürchten– nicht in Nigeria. Mary George ist stellvertretende Chefin einer Sondereinheit der nigerianischen Polizei in der Hauptstadt Abuja, die Menschenhändlern das Handwerk legen soll. Mit ihren Kollegen sitzt sie in einem ältlichen Flachbau. »Wir sind bereit für unsere Aufgabe«, verkündet sie. »Aber uns fehlt die nötige Ausstattung.«
Marc Engelhardt /epd

»Symbols of hope«, Lutherischer Weltbund: u.epd.de/1am2

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