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Polnische Pflegerinnen

»Staatliche Komplizenschaft«

Foto: GettyImages/SolStockHilfe im Alltag alter Menschen leisten Frauen aus Osteuropa hunderttausendfach in deutschen Haushalten.

Nach Schätzungen arbeitet jede zweite Polin, die in Deutschland einen alten Menschen pflegt, illegal. Daher haben die Frauen auch keinen Anspruch auf Arbeits- und Sozialrechte. Der Staat schaut zu, kritisieren die Soziologin Ewa Palenga-Möllenbeck und der Diakonie-Referent Johannes Flothow.

Jeder achte Haushalt in Deutschland, in dem jemand gepflegt wird, beschäftigt eine Polin. Diese Zahl nennt Ewa Palenga-Möllenbeck im Gespräch mit der Evangelischen Sonntags-Zeitung. Die promovierte Soziologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt und forscht zu internationaler Sorgearbeit. Insgesamt pendelten zwischen 300 000 und 600 000 Polinnen regelmäßig zur Betreuung von Senioren nach Deutschland. Genaue Zahlen zu dieser größten Gruppe von sogenannten Pflege-Migrantinnen in Deutschland gebe es nicht, da etwa die Hälfte der Frauen illegal arbeite.

Die Frauen bleiben vier bis acht Wochen, sind oft 24 Stunden täglich für die Senioren da und gehen anschließend für einige Wochen zurück in ihre Heimat. Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich nach den Erkenntnissen von Ewa Palenga-Möllenbeck stark. Ob die Pflegerinnen freie Stunden oder freie Tage hätten, hänge von den jeweiligen Auftraggebern ab.

Lukratives Geschäftsmodell für Agenturen

Viele Frauen seien über polnische Pflegeagenturen beschäftigt. Diese kümmerten sich um die Vermittlung und den Kontakt zu den deutschen Familien und bezahlten den Betreuungskräften zwischen 1000 und 1300 Euro. Wer die Sprache sehr gut beherrsche und bereits Erfahrungen in der Arbeit mitbringe, könne auch schon mal bis zu 1700 Euro verdienen. Die deutschen Familien allerdings zahlten mehr, etwa 1800 bis 2800 Euro, fügt Johannes Flothow, Referent für internationale Diakonie beim Diakonischen Werk Württemberg. Die Differenz bleibt bei den Agenturen hängen. »Das ist ein lukratives Geschäftsmodell«, sagt Palenga-Möllenbeck. Vor allem bei der Vermittlung von Frauen aus der Ukraine, die oft nur 400 Euro monatlich bekämen. Palenga-Möllenbeck und Flothow haben beim Studientag zur Pflege von Diakonie und evangelischer Kirche einen Workshop zum Thema »Osteuropäische Frauen in der Pflege« angeboten.

Frauen aus Polen dürfen wegen der Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union legal in Deutschland arbeiten. Sie tun es oftmals nicht, weil sie die Sozialabgaben sparen wollen. Auch die deutschen Familien sparten bei den Sozialabgaben und sie scheuten außerdem den hohen bürokratischen Aufwand bei legaler Beschäftigung, sagt Palenga-Möllenbeck.

Illegal – doch der Staat schaut zu

Verschiedene Studien weisen nach ihren Worten darauf hin, dass Hunderttausende Migrantinnen in Deutschland illegal arbeiten, der Staat aber schaue tatenlos zu. Die Wissenschaftlerin spricht von einer »staatlichen Komplizenschaft«. Angesichts des hiesigen Pflegenotstands werde der Staat nicht aktiv und lasse zu, dass die Migrantinnen die Pflegelücke schließen, sagt Palenga-Möllenbeck. Im geschützten häuslichen Bereich gebe es keine Kontrollen wegen Schwarzarbeit, ergänzt Flothow.

In Italien und Österreich, wo ebenfalls viele Migrantinnen arbeiten, sei die Situation anders, sagt Palenga-Möllenbeck. Italien etwa ermögliche es den illegal arbeitenden Frauen alle paar Jahre, ihren Aufenthalt zu legalisieren. Dann könnten sie auch in die Sozialsysteme einbezahlen. Und in Österreich stecke der Staat Geld in eine zweimonatige Ausbildung für die Migrantinnen. Dort sei es wesentlich einfacher, legal zu arbeiten.

Pendelmigration wird zur Lebensstrategie

Oftmals seien es ältere Frauen jenseits der 60, die zur Arbeit nach Deutschland kommen. Sie bessern ihre kleine Rente auf, die sie schon ab Ende 50, Anfang 60 beziehen. Oder sie unterstützen zu Hause die Familie. Manchmal wechselten sich auch Mütter und Töchter bei einer Familie in Deutschland ab. Jüngere Frauen steigen in die Pendelmigration ein, weil sie die Ausbildung der Kinder finanzieren wollen oder weil die Familie ein Haus baut. Oftmals sei nur ein zu finanzierendes Projekt geplant, dann komme das nächste und die Arbeit »wird zur Lebensstrategie«, hat Palenga-Möllenbeck durch Gespräche mit betroffenen Frauen erfahren.

Vor einigen Jahren geisterte der Begriff der »Euro-Waisen« durch die Medien. Es ging um Kinder und Jugendliche, deren Eltern im Ausland arbeiten, ihren Nachwuchs zwar finanzieren, aber alleine zurücklassen. Untersuchungen hätten inzwischen gezeigt, dass die allermeisten Kinder zu Hause durch Verwandte gut versorgt seien, wenn die Mütter im Ausland arbeiten. Es habe zwar Familien gegeben, die ihre Kinder alleine ließen oder sie sogar im Kinderheim abgaben, aber das sei die Ausnahme gewesen.

Mütter am Pranger

»Das war eine Skandalisierung, bei der die Mütter an den Pranger gestellt wurden«, sagt Palenga-Möllenbeck. Dieser Vorwurf sei weitgehend ausgeräumt, dennoch sei klar, dass die Entsendeländer die sozialen Kosten der Pendelmigration tragen. Denn »wenn die Mütter nicht da sind, entsteht eine Lücke«.

Die Frauen, die in Deutschland arbeiten, seien allerdings nicht alle Opfer von Ausbeutung. Oftmals seien beide Seiten zufrieden mit einem gefundenen Arrangement. Aber die Arbeitsbedingungen müssten fair und transparent sein, fordert die Wissenschaftlerin.

»Fair care« verhilft zu legaler Pflege

Die Pflegeversicherung in Deutschland sende das falsche Signal aus, dass Familien das Risiko von längerfristiger Pflegebedürftigkeit selbst tragen könnten, kritisiert Johannes Flothow. Das sei aber in den wenigsten Fällen zutreffend.

Flothow hat das Projekt »Faircare« mitentwickelt. Es soll ermöglichen, Betreuungsverhältnisse legal und fair zu organisieren. Seit 2010 hilft es deutschen Familien, Betreuungskräfte direkt anzustellen, ohne eine der Agenturen, die in aller Regel nicht einmal Mindestlöhne bezahlen und die Frauen auch nicht im vorgeschriebenen Umfang sozial versichern.

In der Pflege ist nur der Achtstundentag legal

Die anstellenden Familien zahlen etwa 2400 Euro monatlich und bekommen dafür wöchentlich eine Betreuungszeit von 40 Stunden. »Die Acht-Stunden-Pflege ist das einzige, was in Deutschland legal ist«, betont Flothow. Zum einen dürfe niemand 24 Stunden am Stück arbeiten, zum anderen sei eine »Rund-um-die-Uhr-Betreuung« viel zu teuer. Familien müssten sich deshalb gut überlegen, welche Zeiten durch die Betreuungskraft abgedeckt sein sollten.

Wolle man weiterhin Frauen aus dem Ausland zur Betreuung von deutschen Senioren einsetzen, müssten transparente und entbürokratisierte Beschäftigungsformen entwickelt sowie die Sozial- und Arbeitnehmerrechte beachtet werden, fordert er ebenso wie Palenga-Möllenbeck.

Renate Haller

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