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Mitten auf dem Weg zum Kreuz anfangen, glücklich zu sein

Vorfreude

gettyimages/PeopleImagesWas auch immer da zu sehen ist – es ist noch nicht ganz da, aber man kann schon mal durchs Guckloch spähen.

privat/Archiv MedienhausJeffrey Myers ist Pfarrer und betreut das Projekt »Lutherweg 1521 – Diakonie unterwegs«.

»Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst«, lässt der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry den Fuchs zum kleinen Prinzen sagen, »kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, umso glücklicher werde ich mich fühlen.« Vorfreude pur.

Der Sonntag Lätare steht in der Mitte der Fastenzeit und will Vorfreude wecken. Die rosa Kerze und Frühlingsblumen auf dem Altar, die leicht schwingende Musik und Marzipan am Eingang der Kirche sind uralte Traditionen an diesem Sonntag. Sie wollen der Vorfreude auf Erlösung und Auferstehung, der Hoffnung auf eine helle Zukunft und Glück Ausdruck verleihen.

Lätare. Der Name dieses Sonntags bezieht sich auf eine Einladung, ja eine Aufforderung im letzten Kapitel des Prophetenbuchs Jesaja: »Freue dich!« Das ist eine Glaubensperspektive für das ganze Jahr. Freue dich, seid froh! Das Besondere daran ist das Wann, nämlich mitten in der Passionszeit, mitten auf dem Weg zum Kreuz. Freut euch mitten in einer Zeit der Widrigkeiten und Krisen, mitten in einer Zeit der Unsicherheit und des Wartens.

Ein Kollege von mir war viele Jahre Pfarrer an der Lätare-Kirche in München. Die Kirche wurde an eben diesem vierten Sonntag der Passionszeit eingeweiht. Ich finde das großartig. Der Name erinnert die Menschen vor Ort nicht nur einmal im Jahr, sondern Sonntag für Sonntag daran: Lätare – Freut euch!

Gott lädt ein und macht es möglich, dass wir ausatmen und uns freuen können. Auch wenn der Weg steinig und ein Kreuz am Horizont aufgerichtet ist. Trotzdem: Ihr dürft euch freuen. Nicht irgendwann, wenn alles vermeintlich besser laufen wird, etwa wenn Besonnenheit ins Weiße Haus zurückkehrt oder die Mitgliederzahlen in der Kirche wieder steigen, sondern schon jetzt. Gottes Gegenwart und seine Verheißungen machen eine solche Zuversicht nicht nur möglich. Sie rufen sie hervor.

Der Theologe und Dichter Adam Thebesius, dessen Lied »Du großer Schmerzensmann« in der Passionszeit gesungen wird, hat selbst das Licht des Ostermorgens mitten im Leiden erblickt. Gewalt und Pest, Verwüstungen und Zerstörungen – das alles kannte der evangelische Pfarrer während des Dreißigjährigen Krieges. Vier Kinder und seine Frau starben kurz nacheinander. Hinzu kam die Gegenreformation, die ihm und den anderen Protestanten das Leben schwer machte.

Adam Thebesius vermochte es, das Leiden, die Lebensfreude und die Sehnsucht nach Trost beisammenzuhalten. Den Blick auf Jesus Christus hält der Lieddichter vor Augen: »Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben.« Jesus geht voran, von Gethsemane nach Golgatha und aus dem Grab in den Morgen der Auferstehung. Seitdem kann auch uns nichts und niemand von Gott trennen. Der Lieddichter Thebesius wusste von der heilenden Kraft, sich mitten in der Passionszeit des Lebens zu freuen.

Zugegeben, die Freude, zu der dieser Sonntag einlädt, ist eher eine stille Freude, eine feste Zuversicht. Dennoch soll die Freude sich ausbreiten, anstecken, das Dunkel aufhellen. Und wer meint, dass die Vorfreude die schönste Freude sei, hat Ostern noch nicht erlebt. Die größte Freude steht noch aus!

Von Jeffrey Myers

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