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Drohende Spaltung

Was wird aus der orthodoxen Kirche?

dpa/Mykola LazarenkoMännersache (von links): Epiphanius I. von Kiew, der Ökumenische Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel und der Präsident der Ukraine Petro Poroschenko haben bei ihrem Treffen in der Türkei die neue, von Moskau unabhängige Kirche unter Dach und Fach gebracht.

Seit dem 6. Januar gibt es eine neue orthodoxe Kirche – auf dem Territorium der Ukraine. Ihr Status ist noch unklar. Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel zählt sie als 15. der sogenannten autokephalen, sich selbst regierenden Kirchen. Das Patriarchat von Moskau erkennt diese Unabhängigkeit nicht an.

Seit den frühen 1990er Jahren gab es drei orthodoxe Kirchen in der Ukraine. Zwei davon hat die Weltorthodoxie nicht anerkannt. Das heißt, sie galten als unkanonisch. Die dritte war eine autonome Kirche, deren Oberhaupt in der Synode des Moskauer Patriarchats Mitglied ist. Es gab immer wieder Versuche, in der Ukraine eine eigenständige Kirche einzurichten – vergeblich. Es hängt mit der gesamtpolitischen Situation in der Ukraine zusammen, dass es ausgerechnet jetzt dazu kam.

Poroschenko besucht den Patriarchen

litik und Auslösend für den Prozess war ein Besuch des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko beim ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel in Istanbul, Bartholomäus I. Dabei gab es positive Signale im Blick auf die Möglichkeit einer eigenständigen Kirche für die Ukraine. Danach ging alles relativ schnell. Der Ökumenische Patriarch schickte zwei Exarchen, also zwei Bischöfe, in die Ukraine, um die Lage zu sondieren. Damit beanspruchte er gleichzeitig die Ukraine als sein kanonisches Territorium.

Sie legen Statuten fest und bestimmen das Oberhaupt

Der nächste Schritt war, die beiden bisher unkanonischen Kirchen anzuerkennen und ein Vereinigungskonzil abzuhalten. Dazu waren alle drei Kirchen eingeladen. Es nahmen aber de facto nur die beiden bislang unkanonischen Kirchen sowie zwei Bischöfe und einige Kleriker der dritten teil. Die Teilnehmer vereinbarten die Statuten der neuen Kirche und bestimmten das Oberhaupt. Damit war der Weg dafür frei, dass der Patriarch von Konstantinopel dieser Kirche die Eigenständigkeit erteilt.

Moskau empfindet Eigenständigkeit als Affront

Von Anfang an empfand das Patriarchat in Moskau das als Affront, und zwar gleich in mehrerer Hinsicht. Die Ukraine war seit rund 300 Jahren Territorium des Moskauer Patriarchats. Das erkannten alle orthodoxen Kirchen an. Die Entsendung zweier Exarchen gegen den Willen Moskaus wird folglich als unrechtmäßig gesehen. Zum anderen war die Wieder-Anerkennung der beiden unkanonischen Kirchen im Alleingang eine problematische Handlung.

Es droht ein Schisma

Moskau hat nun die Gemeinschaft mit dem Patriarchat von Konstantinopel aufgekündigt. Dies ist insofern schwerwiegend, als daraus ein Schisma für die Gesamtorthodoxie entstehen kann. Im Moment kann man von einer Spaltung sprechen, die bislang einseitig ist, weil das Konstantinopler Patriarchat die Gemeinschaft (noch) nicht aufgekündigt hat.

Anerkennung durch andere Kirchen noch unklar

Was sich also aus diesen Ereignissen entwickelt, muss sich erst zeigen. Es hängt vieles davon ab, wie sich die anderen orthodoxen Kirchen verhalten. Zwar gab es in einigen Kirchen öffentliche Parteinahme für das Patriarchat von Moskau. Aber keine dieser Kirchen hat deswegen die Gemeinschaft mit Konstantinopel abgebrochen. Seit die neue Kirche existiert, werden sie sich irgendwann äußern müssen, ob sie sie anerkennen oder nicht.

Zwei orthodoxe Kirchen in der Ukraine

Aus ökumenischer Perspektive sind diese Vorgänge sehr zu bedauern. Selbst wenn sich alle anderen orthodoxen Kirchen auf die Seite Konstantinopels stellen, wird es dennoch in nächster Zukunft drei Probleme geben. Zum einen wird es in der Ukraine selbst zwei orthodoxe Kirchen geben: die autokephale neue Kirche und die Kirche des Moskauer Patriarchats. Von der letzteren werden eventuell einige Bischöfe und Gemeinden zur neuen Kirche übertreten. Aber voraussichtlich wird diese bisher größte Kirche weiterhin zahlenmäßig eine wichtige Rolle spielen. Da sie aber die neue Kirche nicht anerkennt, wird es in den meisten Gebieten zwei orthodoxe Bischöfe geben, was der orthodoxen Lehre von der Kirche (Ekklesiologie) widerspricht.

Protestanten müssen Moskau wohl als eigenständigen ökumenischen Partner sehen

Evangelen müssen Zweites Problem: Es zeichnet sich bereits ab, dass die Bischöfe des Moskauer Patriarchats in der orthodoxen Diaspora nicht mehr in den orthodoxen Bischofskonferenzen mitarbeiten. Das bedeutet voraussichtlich für evangelische Kirchen, dass sie die Moskauer Kirche als eigenständigen ökumenischen Partner betrachten müssen, obwohl theologisch kein Unterschied zu den anderen orthodoxen Kirchen besteht, die sich weiterhin in einer Bischofskonferenz als Gesamtgruppe ansprechen lassen.

Folgen für Ökumene noch nicht absehbar

Was drittens die Auswirkungen in der weltweiten Ökumene sein werden, ist noch nicht ganz abzusehen. Im Ökumenischen Rat der Kirchen hat zum Beispiel kürzlich der Vertreter des Moskauer Patriarchats an der Sitzung des Zentralausschusses offiziell teilgenommen – trotz des Beschlusses der Moskauer Synode, nicht mehr in ökumenischen Gremien mitzuarbeiten, wenn deren Vorsitz oder Ko-Vorsitz bei Konstantinopel liegt. Das ist beim Zentralausschuss der Fall.

Anti-russische Stimmung spielt eine Rolle

Mit ausschlaggebend für diese Ereignisse ist die geopolitische Lage. Seit dem Krieg in der Ukraine ist dort die anti-russische Stimmung und damit auch ein nationalistisches Element gewachsen. Darum hatten Gläubige den Wunsch nach einer Kirche, die nicht Moskau zugeordnet, aber in der Weltorthodoxie anerkannt ist. Ein weiterer Zusammenhang ist zu sehen in der persönlichen politischen Situation Poroschenkos. Offenkundig konnte er durch seine Rolle in diesem Prozess seine Umfragewerte von Platz vier auf Platz zwei erhöhen. Gut für ihn im Blick auf die anstehenden Wahlen.Dagmar Heller/esz


Dagmar Heller ist Referentin für Orthodoxie am Konfessionskundlichen Institut in Bensheim.

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