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Angstgeprägte Wesen

Zukunftsforscher Horx sieht Grund zur Zuversicht

Getty Images/francescochWo geht's lang. Menschen versuchen gerne, in die Zukunft zu schauen.

Der Blick in die Kristallkugel verspricht Nervenkitzel. Doch gibt es auch seriöse Aussagen über die Entwicklung der Menschheit? Sven Kriszio sprach mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx.

dpa/Geisler-FotopressMatthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher. Nach seinen Worten haben Zukunftsbilder mit Erwartung zu tun.

Was bringt die Zukunft?

Matthias Horx: Diese Frage ist so pauschal natürlich nicht zu beantworten. Denn die Zukunft ist ein unendlicher Raum, der sich nicht beschreiben lässt. Wenn wir uns eine spezifische Frage aussuchen, kann ich Ihnen etwas sagen. Allerdings mache ich oft die Erfahrung, dass die Menschen sich für die »wirkliche« Zukunft, also die kommende Gegenwart, gar nicht interessieren. Uns interessieren Bilder, die Emotionen auslösen, die Gewissheiten oder Ängste bestärken. Beim Klimawandel erleben wir gegenwärtig enorme Verzerrungen, die in Richtung Alarm und Hysterie gehen.

Wer die Zukunft voraussagen will, muss zuerst wissen, wie die Welt um ihn herum aussieht, sagen Sie. Das klingt zu einfach, oder?

Horx: Es ist tatsächlich schwer, die Dynamik der Welt zu verstehen. Wir nehmen die Wirklichkeit verzerrt wahr, weil wir angstgeprägte Wesen sind. Das liegt auch an unserem evolutionären Erbe: Wer in der Vergangenheit keine Angst hatte, der konnte in einer lebensfeindlichen Umwelt nicht überleben. Unser Hirn ist darauf eingestellt, Alarmsignale stärker als alles andere wahrzunehmen. Das ist natürlich, hat aber Nebenwirkungen, die bis hin zur Hysterie reichen. Viel Negatives erfolgt ja aus angstverzerrten Prognosen. Bei einem Test können sie davon ausgehen, dass viele Menschen immer ins Negative tippen, was aber falsch ist. In den allermeisten Bereichen wie Gesundheit, Lebenserwartung, Bildung und vielen mehr geht es der Menschheit langsam besser als früher. Und wir können zuversichtlich sein, dass diese Prozesse so weitergehen.

Sie lehren Prognostik an einer Hochschule. Wie funktioniert Zukunftsschau?

Horx: Zunächst einmal brauchen wir ein solides Fundament in der Systemtheorie und anderen Prozess-Wissenschaften. Aber auch Psychologie spielt eine große Rolle. Die Zukunftsbilder haben mit Erwartungspsychologie zu tun. Wir bauen uns die mentale Zukunft so, wie wir uns innerlich fühlen. Depressive Menschen bauen eine depressive Zukunft, panische Menschen eine panische. In der systemischen Prognostik beschäftigen wir uns mit der Frage, auf welche Weise Menschen die Zukunft konstruieren. Welche Rolle spielen Informationen, welche Emotionen? Leider versuchen Menschen immer, die Zukunft mit dem Wissen der Vergangenheit zu verstehen, und das geht natürlich schief. Die Welt besteht aus einer Vielzahl von Systemen, die man beschreiben kann. Wir wissen, was der CO2-Eintrag in die Atmosphäre bedeutet. Die Frage ist, wie wir darauf reagieren. Und ob wir neue Technologien entwickeln können.
Eine Möglichkeit der Prognostik ist die »simulierte Zukunftsreise«. Versetzen wir uns in das Jahr 2050 und stellen uns vor, dass der CO2-Ausstoß tatsächlich nahe Null ist. Jetzt fragen wir uns rückwärts: Wie haben wir das geschafft? Wenn wir das ein bisschen ausformen, merken wir, dass wir schon heute über alle Technologien verfügen, die wir brauchen. Auf diese Weise entstehen Plausibilitätspfade, die eine bestimmte Zukunft wahrscheinlicher machen, auch und gerade, weil wir sie im Geiste »vorziehen« können.

Sie sagen, die Zukunft orientiert sich an den Bedürfnissen des Menschen. Welchen Einfluss haben Prognosen?

Horx: Ich sage, dass Menschen, das Menschliche, immer ein wichtiger Faktor bleiben wird, dass sich Technologie nicht unabhängig von menschlichen Bedürfnissen und Grenzen entwickeln wird. Ich nenne das humanistischen Futurismus. Das führt auch zu einer gewissen Zuversicht. Menschen sind erfinderisch. Die alten Ägypter lebten am Nil, der ihr Überleben ermöglichte. Für ihre steigende Bevölkerung haben sie das nötige Land fruchtbar gemacht. So überlebten sie. Heutige Zukunftsbilder gehen oft von einer Metapher der Knappheit aus. Rohstoffe und Energie werden knapp, und dann folgt das Verderben. Diese Erfahrung ist evolutionär gewachsen: Unsere Vorfahren haben immer in existenziellen Knappheiten, in Nahrungsmangel gelebt. Das erzeugt eine tiefe Verlustangst. Aber in Wirklichkeit leben wir in einem Universum der Fülle. Die Sonne bringt alle zwei Minuten so viel Energie auf die Erde, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht. In 20, 30 Jahren werden wir Flatrates für Strom haben, und es wird genug Energie für alle technischen Prozesse geben, auch ohne Öl und Gas. Allerdings hält uns unser animalisches Hirn davon ab, diese Entwicklung für möglich zu halten, und deshalb verhindern wir sie.

Von dieser paradiesischen Zukunft sind wir weit weg, oder?

Horx: Denkt man. Aber die Wirklichkeit ist viel dynamischer. Wenn fossile Energie knapp werden würde, dann wären wir gezwungen, die Energiewende weit schneller hinzubekommen. Und das würde gehen. Ich habe vor zehn Jahren in den Chefetagen der deutschen Energiewirtschaft gesagt, dass wir einen Wandel zu erneuerbaren Energien haben werden. Daraufhin haben mir die Energiemanager unisono gesagt, dass wir als moderne Industrienation nie mehr als zehn Prozent davon erzeugen können. Heute sind es beim Strom bereits über 40 Prozent.

Darüber mag man schmunzeln. Tatsächlich tritt die Umstellung derzeit auf der Stelle.

Verschieben wir doch einfach mal die Blickrichtung in Richtung Zuversicht! Island wird wohl schon in diesem Jahrzehnt CO2-neutral werden. China wird seinen Höchstwert beim CO2-Ausstoß in den nächsten Jahren erreichen. Wir werden uns wundern, wie schnell es geht. Wir müssen von den Lösungen her denken und nicht immer nur jammern. Zukunft ist eine Entscheidung, genauso wie die Liebe. Ich bin kein Zukunftsoptimist, sondern ein »Possibilist«. Ich glaube an Möglichkeiten. Die Menschheit wird das Energieproblem lösen, wie sie auf ihrem langen Weg schon manche Überlebensfrage gelöst hat.

Welche Aufgabe hat der oder die Einzelne dabei? Wie viel dürfen wir konsumieren?

Horx: Der Einzelne hat die Möglichkeit, sich in eine andere Beziehung zur Zukunft zu setzen. Das hat zwei Aspekte: Einerseits ist Konsum ja nichts Schlechtes, es ist aber die Frage, wie wir konsumieren, ob in Kreislaufsystemen oder in unintelligenten Wegwerf-Systemen, die Schaden bringen.

Welche Rolle spielt Religion in der Zukunft?

Horx: Menschen brauchen eine Verbindung zur höheren Komplexität. Als Einzelne müssen wir uns verloren fühlen, wenn wir uns nicht als Teil eines größeren Ganzen begreifen. Das haben Menschen schon immer getan, entweder durch Ideologien oder die erlöste Form der Religion, die Spiritualität. Das ist ein In-Verbindung-Treten und kein Unterordnen.

Wie kann sich Kirche darauf einstellen?

Horx: Die Institution Kirche kann derzeit nur schwer Antworten finden, sie ist wirkungslos geworden für die heutige Kultur. Das hat mit den Individualisierungstendenzen zu tun, aber auch mit großen Fehlern und der Organisation selbst. Allerdings können religiöse Menschen immer wirksam sein, wenn sie Hoffnung ausdrücken. Sie treten in eine Resonanz mit anderen spirituellen Menschen, und damit ergibt sich neue Religiosität.

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